Universalmuseum Joanneum GmbH

Erstmals seit fast 20 Jahren ist der iranischen Künstlerin wieder eine Personale in Österreich gewidmet

 

Shirin Neshat. Frauen in Gesellschaft
18. Jänner bis 22. April 2018
Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel, 8010 Graz
www.neuegaleriegraz.at

 

Weitere Informationen sowie Bildmaterial zur Ausstellung finden Sie unter folgendem Link: Shirin Neshat

 

Gestern Abend wurde in der Neuen Galerie Graz die neue Sonderausstellung Frauen in Gesellschaft der Künstlerin Shirin Neshat eröffnet, die bis 22. April zu sehen ist. Die große Übersichtsausstellung, die von der Kunsthalle Tübingen übernommen wurde, führt wichtige Werke aus allen Schaffensphasen der iranischen Künstlerin zusammen. Die von Holger Kube Ventura konzipierte Schau präsentiert bereits bekannte wie auch erst kürzlich entstandene Foto- und Videoarbeiten: von den berühmten ikonischen Schriftfotografien der 1990er-Jahre über die Mehrkanal-Videoinstallationen bis hin zu monumentalen Werkblöcken wie The Book of Kings von 2012 und Neuproduktionen der Jahre 2016/17 – Roja und Sarah aus der Trilogie Dreamers. „Diese jüngst entstandenen Werke wurden in der Ausstellung in Tübingen erstmals in Europa präsentiert. Natürlich freuen wir uns sehr, dass sie nun auch bei uns im Museum und somit erstmals in Österreich zu sehen sind“, so Günther Holler-Schuster von der Neuen Galerie Graz bei der Eröffnung.

Ausstellungsansicht, „Shirin Neshat. Frauen in Gesellschaft“,

Ausstellungsansicht, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Subtile, aber ausdrucksstarke Bilder der Revolution

Die bekannte Werkgruppe Women of Allah zeigt in Szene gesetzte Bilder verschleierter weiblicher Gestalten, häufig die Künstlerin selbst, die aufsässig, kraftvoll oder kriegerisch erscheinen können, in anderen Fällen aber auch verwundbar, mütterlich oder nachdenklich. Ihre Gesichter, Hände oder Füße sind mit Texten der iranischen Autorinnen Tahereh Saffarzadeh und Forugh Farrochzād beschrieben. Diese Fotoserie spiegelt Neshats persönliche Sicht auf ihr Heimatland wider, als sie nach 17 Jahren in den USA 1990 in einen vollkommen veränderten Iran zurückkehrte. Diesen Fotos aus den Jahren 1993 bis 1997 wird in der Ausstellung die Fotoserie The Book of Kings (2012) gegenübergestellt. „Die Künstlerin stellt in ihren neuen Werken Bezüge zu ihrer Serie Women of Allah her, verschiebt aber den Fokus von der individuellen Selbsterfahrung auf die gesamte Gesellschaft. Gemeinsam ist beiden Serien die Befreiungsaktion bzw. Revolution als zentrales Thema. Ein Aufbegehren gegen den Staat – einmal im Zuge der Iranischen Revolution (1978/79) und ein zweites Mal bei der Grünen Revolution 2009“, beschreibt Günther Holler-Schuster diese beiden Arbeiten. Die ambivalent bleibende Zuweisung in die drei gesellschaftlichen Gruppen „die Masse“, „die Patrioten“ und „die Schurken“ spielt dabei eine große Rolle und wirft die Frage auf: „Wer ist wer, in welchem Kontext?“

Ausstellungsansicht, „Shirin Neshat. Frauen in Gesellschaft“,

Ausstellungsansicht, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Begegnungen, surreale Träume und der Ort der Glückseligkeit

In ihren frühen Videoarbeiten aus den Jahren 1998 bis 2000 fokussiert sie deutlich auf Probleme der kulturellen Identität und der Rolle von Frauen, nicht nur im islamischen Kontext, während die 2016 entstandenen Arbeiten Roja und Sarah traumartige, sehr subjektive Zustände reflektieren. Die Videoinstallationen Turbulent (1998), Rapture (1999) und Fervor (2000) bilden eine Trilogie und widmen sich der Befragung der Geschlechterrollen. In Form von Doppelprojektionen untersuchen sie Dynamiken und Begegnungen zwischen Männern und Frauen in islamischen Gesellschaften. Durch eine minimalistische Bildsprache und mittels zweier Projektionsflächen werden kontrastierende Sphären entworfen, die dialogisch miteinander korrespondieren.
Mit den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten Roja und Sarah, die Teil der Trilogie Dreamers sind, schlägt Neshat eine neue Richtung ein. Während sie in ihren früheren Arbeiten das Geschlechterverhältnis im zeitgenössischen Iran untersuchte, gilt ihr Interesse hier dem Träumen als einem Zustand zwischen Bewusstsein und Verrücktheit. So umkreisen die Videoinstallationen eine junge Frau, der sie in Form atmosphärischer oder surrealistischer Bilder auf einer halluzinatorischen Wanderung folgen – durch Theatersäle, Wälder oder Wüsten.
Mit ihrem Video Tooba (2002) erzählt Neshat eine mystische Fabel: Auf einem Hügel lehnt eine Frau an einem zerfurchten Baum, der von einer Steinmauer eingefasst ist. Eine schwarz gekleidete Menschengruppe bewegt sich auf den Baum zu und in dem Moment, als die Männer und Frauen über die Mauer klettern, wird jene Frau eins mit dem Baum und verschwindet. In der islamischen Mythologie ist „Tooba“ ein im Paradies wachsender Baum, der Menschen in Not Schutz und Segen bietet und gleichzeitig einen Zustand der Glückseligkeit symbolisiert. Indem die Künstlerin mit der Mythologie des Baumes spielt, der seit Menschengedenken als Symbol für das Leben steht, formuliert sie gewissermaßen eine poetische Allegorie für die spirituelle Sehnsucht nach dem Paradies.

Shirin Neshat, "Tooba", 2002, Video still,

Shirin Neshat, "Tooba", 2002, Video still, © Shirin Neshat, Courtesy Gladstone Gallery, New York und Brüssel

Women without Men

Neshats Spielfilm Women without Men von 2009, der auf dem gleichnamigen Roman von Shahrnush Parsipur basiert, schildert ihre subjektive Sichtweise auf die Schicksale vier iranischer Frauen, die nach Alter und sozialer Herkunft sehr unterschiedlich sind. Mit ihm gewann die Künstlerin bei den 66. Filmfestspielen in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie. Darin wird aus Perspektive der vier Frauen die Geschichte des Militärputsches von 1953 erzählt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus ihren persönlichen Schicksalen flüchten und einander in einem Garten vor den Toren Teherans treffen, einem vorerst paradiesischen Ort. Denn mit dem gewaltvollen Einbrechen der Außenwelt werden sowohl der poetische Garten als auch die Gemeinschaft der Frauen jäh zerstört. Der Film ist im Rahmen der Ausstellung im KIZ RoyalKino sowie zu angegebenen Zeiten in der Neuen Galerie Graz zu sehen.

 

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Mit herzlichen Grüßen

Anna Fras