Universalmuseum Joanneum GmbH

Das Bett: Jenes Möbelstück, das ein Leben lang eine zentrale Rolle spielt

 

Im Bett. Episoden einer Zuflucht

Bis 31.12.2018

Kuratiert von Eva Kreissl

 

Volkskundemuseum, Paulustorgasse 11-13a, 8010 Graz

www.volkskundemuseum-graz.at

 

Weitere Informationen sowie Bildmaterial zur Ausstellung finden Sie unter folgendem Link: Im Bett

Gestern wurde im Grazer Volkskundemuseum die neue Sonderausstellung Im Bett. Episoden einer Zuflucht eröffnet, die bis Ende 2018 zeigt, dass das Bett mehr als nur ein Möbelstück ist. In 20 Episoden werden Fragen rund um jenen Ort aufgeworfen, an dem wir immerhin ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen. Anhand unterschiedlicher Objekte wie etwa einer Nachthaube, eines Klappbetts oder eines Bahrtuchs ging Kuratorin Eva Kreissl den Funktionen des Betts auf den Grund. „In der Sonderausstellung versuchen wir die Bedeutung des Betts und aller Gegenstände, die in Zusammenhang mit diesem Möbel stehen, zu hinterfragen. Einerseits geht es um Materialien, aus denen Betten gemacht werden, oder um den Traum bzw. den Albtraum, und andererseits um Aspekte wie Geburt, Erotik und Tod, aber auch um die Unterschiede zwischen Daunendecken- und Wolldeckenländern“, erklärte die Kuratorin bei der Eröffnung. Die Ausstellung, die sich nicht nur durch den Stöcklsaal, sondern auch durch die Dauerausstellung erstreckt, stiftet zur Nachdenklichkeit an und lädt die Besucher/innen auch zum Mitmachen ein – zum Beispiel mit Rätseln oder einem Buch, in das man seine erinnerungswürdigsten Träume eintragen kann.

Gruppenfoto bei der Eröffnung,

Gruppenfoto bei der Eröffnung, v.l.n.r.: Joanneums-Direktor Wolfgang Muchitsch, Kuratorin Eva Kreissl und Leiterin der Abteilung Kulturgeschichte Bettina Habsburg-Lothringen, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ein treuer Begleiter

Das Bett begleitet unser Leben, jeden Tag und Nacht für Nacht. Es ist Ausgangspunkt in die Welt des Traums, ein Ort, an dem Kinder gezeugt und geboren werden. Es ist der Raum des Krankseins und Genesens, und die meisten tun hier ihre letzten Atemzüge. Es ist Zeuge von Erschöpfung, Verzweiflung, Geborgenheit und Leidenschaft – und dient immer mehr als multifunktionaler Rückzugsraum vor der Öffentlichkeit, an dem gegessen, gearbeitet und mit der Welt kommuniziert wird. Die neue Sonderausstellung im Volkskundemuseum widmet sich der facettenreichen (steirischen) Bettkultur und damit auch den zahlreichen individuellen Bedeutungen des Bettes.

 

Bettgeschichten damals und heute

Bis zur Zeit der Aufklärung war der Schlaf ein religiöses bzw. philosophisches Thema. Ausgehend von den modernen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Schlaf bis heute immer mehr zu einer persönlichen und intimen Angelegenheit. Das Bett war früher meist ein Schlafplatz für mehrere Menschen, und anders als heute verband man damit oft einen kalten und engen Ort. Gleichzeitig bildete sich Schlaf als zeitökonomische Ressource zur Wiederherstellung menschlicher Arbeitskraft aus und der Körper zu einer Art Batterie, die durch Schlaf aufgeladen werden kann. 

Im Bett, Ausstellungsansicht,

Blick in die Ausstellung, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Träume: Ausflüge in Welten, in denen alles möglich ist

Im Bett zu sein ist nicht nur eine räumliche Verortung, sondern ein Zustand. Wenn wir liegen, nehmen wir die Welt anders wahr, wehrloser, vielleicht entspannter. Die Welt des Traumes betritt die Ausstellung mit den surrealen Arbeiten des schwedischen Fotokünstlers Erik Johansson. Sie machen die Überwindung realer Grenzen und Möglichkeiten sichtbar, die nur Träume erlauben. Die Irritationen, die die Werke Johanssons auslösen, verweisen auf die Sprengkraft gegen reale Gegebenheiten, die wir nur im Traum mobilisieren können. Im Anschluss werden die Besucherinnen und Besucher aufgefordert, an einem kollektiven Traumtagebuch mitzuwirken, in dem sie ihre persönlichen Erlebnisse der Nacht aufzeichnen.

In der historischen Volkskunde reich dokumentiert ist die Angst vor dem Albdruck, der Menschen im Bett überfällt, bevor sie der Schlaf erlöst. Müde, ohne Ablenkung und in wehrlos liegender Haltung, entfalten sich aufgestaute Ängste in somatischen Symptomen des Druckgefühls und der Enge, die dem Aufhocken der mythischen Gestalt der Trud zugeschrieben wurde und heute als Ausdruck psychischer Belastung interpretiert wird.

 

Erotik und Geburt

Neben den genannten Themen widmet sich die Ausstellung auch den erotischen Aspekten, die mit dem Bett verbunden werden, wie auch der Schlafmode, die im Laufe der Jahrhunderte ebenfalls einen Wandel durchlief. Einfache Leute schliefen in der Regel im Unterhemd. Die Ausstellung zeigt einige der ersten Nachtgewänder, die oft aufwendig ausgestattet den Körper und seine Formen umhüllten, jedoch keinerlei erotische Anziehung unterstützten.

Weiters steht das allererste Bett im Zentrum, nämlich jenes der Geburt, das offensichtlich eine kulturelle Fehlkonstruktion ist. Ein Gebärstuhl aus dem frühen 19. Jahrhundert zeigt, dass schon lange bekannt ist, dass das Liegen im Bett die Wirkung der Schwerkraft bei der Geburt unterbindet und das Gebären erschweren kann. Der Film birth movement von Karin Berghammer geht auf die Vorzüge der Geburt in vertikaler Stellung ein – bei der ein Bett eher hinderlich ist.

Im Bett, Ausstellungsansicht,

"Mein Bett - ein Traum", Inklusionsprojekt von 13 Jugendlichen, das im Zuge der Ausstellung entstand, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Mein Bett – ein Traum

Und was ist, wenn man kein eigenes Bett hat? Im Innenhof des Museums beleuchtet eine soziale Skulptur die divergierenden Zugänge zu diesem Möbelstück und wirft mit dem Kunstprojekt Mein Bett – ein Traum das Augenmerk auf jene Menschen, die kein sicheres Refugium (mehr) haben, weil sie auf der Flucht vor Gewalt, Krieg und Armut sind. Bei diesem Inklusionsprojekt baute eine Gruppe junger Flüchtlinge ein überdimensionales Bett, in das sich nun die Besucherinnen und Besucher hineinlegen können. Auf einer schwebenden Decke über dem Bett verleihen sie ihren Träumen, Erinnerungen, Fantasien und Wünschen an die Zukunft bildnerischen Ausdruck. Sie berichten von Geschichten zum Einschlafen und vom Aufwachen, von Langeweile und Sorgen, Schlafliedern und Geschichten aus ihrer früheren Heimat, lassen aber auch die ihnen wichtigen popkulturellen Reminiszenzen oder Botschaften ihrer spezifischen Jugendkultur einfließen.

 

Die Ausstellung, die bis 31.12.2018 im Volkskundemuseum zu sehen ist, zeichnet ein facettenreiches Bild, bei dem kein Thema zu kurz kommt.

 

Wir freuen uns über Ihre Berichterstattung und stehen für Rückfragen sehr gerne zur Verfügung.

 

Herzliche Grüße

Anna Fras & Pia Moser