Universalmuseum Joanneum GmbH

Gekommen um zu bleiben

 

Weltenbummler. Neue Tiere und Pflanzen unter uns

Naturkundemuseum, Joanneumsviertel, 8010 Graz

bis 08.01.2017
www.naturkunde.at

 

Bildmaterial und weitere Informationen finden Sie unter folgendem Link:
Weltenbummler

 

_______________________________________________________

Durch die Globalisierung gelangen immer mehr Pflanzen- und Tierarten in neue Lebensräume. Die Erderwärmung verstärkt den weltweiten Transfer der Arten, indem sie vielen von ihnen ein Überleben fern der Heimat ermöglicht. Im Grazer Naturkundemuseum wurde gestern die Ausstellung Weltenbummler eröffnet, die bis 07. Jänner 2017 die Hintergründe und Folgen dieses Phänomens aufgezeigt. 

v.l.n.r.: Joanneums-Direktor Wolfgang Muchitsch, Ausstellungsgestalter Werner Schrempf (dieOrganisation), Fachkurator Wolfgang Rabitsch (Umweltbundesamt) und Kuratorin Ursula Stockinger; Foto: N. Lackner

Den Großteil des Jahres fällt er kaum auf, doch im Spätsommer ziert den japanischen Staudenknöterich eine zarte weiße Blütenpracht. Ob es diese temporäre Schönheit war oder seine vermehrungsfreudige Robustheit – jedenfalls beeindruckte der unscheinbare Strauch den deutschen Arzt und Forscher Philipp Franz von Siebold stark genug, um ihn 1825 als Zier- und Futterpflanze von einem Japanaufenthalt mitzunehmen. Als Futter taugt der Staudenknöterich für die meisten Tiere zwar nicht, doch die Bienen lieben seine Blüten. Und so kam es, dass gerade die Imker für seine Verbreitung in Europa und bald auch in den USA sorgten. Mittlerweile ist die Freude an diesem pflanzlichen Zuwanderer jedoch mehr als getrübt. „Der japanische Staudenknöterich vermehrt sich so rasant, dass er heimische Pflanzen verdrängt und damit die Biodiversität beeinträchtigt“, erklärt Ursula Stockinger von der Abteilung Biowissenschaften, die die Ausstellung gemeinsam mit den Kollegen des Umweltbundesamtes, Wolfgang Rabitsch und Franz Essl, kuratiert hat. „Ursprünglich zur Uferbefestigung angesetzt, besiedeln heute die Klone einer einzigen weiblichen Pflanze ganz Großbritannien!“ Wie der Japanische Staudenknöterich ist rund ein Drittel aller heute in Österreich vorkommenden Pflanzen aus anderen Ländern und Kontinenten zu uns gelangt.

Ausstellungsansicht, Foto: N. Lackner

Schatten- und Sonnenseiten der Artenwanderung

Der Staudenknöterich ist nur eines von zahlreichen Beispielen gebietsfremder Arten in der Ausstellung. Der allergrößte Teil dieser Tiere und Pflanzen fügt sich problemlos in die bestehenden Ökosysteme ein. Rund ein Prozent jedoch hat extrem negative Auswirkungen auf heimische Arten, deren Lebensräume und mitunter sogar Menschen. Diese „invasiven Neophyten“ können durch ihre massive Verbreitung seltene Arten zum Verschwinden bringen oder Allergien auslösen. Die Erweiterung der heimischen Fauna und Flora durch Neobiota – so der wissenschaftliche Ausdruck – ist dennoch nicht einfach „gut“ oder „schlecht“, sondern ein vielschichtiges Phänomen, das einen differenzierten Blick erfordert. Dazu soll die Ausstellung anhand zahlreicher Präparate, Filme und interaktiver Stationen anregen. Für eine anschauliche Aufbereitung bediente man sich auch technisch-innovativer Gestaltungsmethoden: So zeigt das Grazer Naturkundemuseum als erstes Museum weltweit ein mittels 3D-Druck hergestelltes Modell des Asiatischen Marienkäfers im Maßstab 50:1. 

Ausstellungsansicht, Foto: N. Lackner

Wie sieht die Zukunft aus?

In Zeiten der Globalisierung existieren auch für Tiere und Pflanzen keine geographischen Barrieren mehr. Die Artenwanderung hat durch den gigantischen weltweiten Waren- und Menschentransport in Kombination mit der Klimaerwärmung eine neue Dimension erreicht. Vor diesem Hintergrund scheint es kaum möglich, invasive Neobiota unter Kontrolle zu halten. Doch der Schutz unserer Biodiversität sei grundsätzlich möglich und beginne im eigenen Garten, wie Stockinger erklärt: „Nichts spricht dagegen, dort auch exotische Pflanzen zu setzen – allerdings ausschließlich dort!“ Das gleiche gelte für Tiere: eine Auswilderung sei zu verhindern, denn die Folgen für unsere Natur und auch die Menschen sind nicht absehbar.