Universalmuseum Joanneum GmbH

Eine Ausstellung, die sich stetig weiterentwickelt

 

Gestern wurde die neue Ausstellung MARTIN WALDE. Facts from Fiction – Fiction from Facts in der Neuen Galerie Graz eröffnet. Um aktuelle Arbeiten bedeutend erweitert, knüpft die jetzige Schau an die letzte Ausstellung Waldes im Jahr 2007 in der Neuen Galerie Graz an und eröffnet damit inhaltliche Facetten bereits bekannter Werkteile. Der Blick wird dabei sowohl auf bestehende Arbeiten in neuen Zusammenhängen als auch auf völlig neue Werke gelegt. Walde, der sich mit seinen Arbeiten immer zwischen Kunst und Wissenschaft bewegt, betonte bei der Eröffnung: „Wissenschaft und Geschichte sind Quellen für meine künstlerischen Arbeiten. Mein Anspruch ist es jedoch nicht, Gewissheit zu erlangen. Wenn ich etwas verwende, transformiere ich es und nütze es für meine Kunst. Die entstandenen Kunstwerke sind etwas Neues und befinden sich danach in einem ständigen Prozess.“


Neue Galerie Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

„Partizipation als wesentlicher Bestandteil der Kunst von Martin Walde wird in unterschiedlicher Form angeboten. An einem Ort wie dem Universalmuseum Joanneum, das unterschiedliche Wissenssparten versammelt, erscheint seine Zugangsweise höchst plausibel zu sein. Martin Walde gelingt es in seinem Werk allgemein und in dieser Ausstellung im Speziellen, einen Zugang zu wesentlichen Aspekten der Welterkenntnis und Realitätserfahrung zu geben. Die dabei möglicherweise entstehende Verwirrtheit und Verunsicherung soll dem Publikum die Möglichkeit zum unkonventionellen und weiterführenden Denken in Bezug auf bekannte bzw. bekannt erscheinende Tatsachen an die Hand geben – den Zweifel als kreatives Szenario zur erweiterten Weltsicht“, so Kurator Günther Holler-Schuster zur Ausstellung.

 

Von Wechselwirkungen verschiedener Disziplinen

Kunstwerke verändern bekanntlich ihre Bedeutungs- und Funktionszusammenhänge im Laufe der Zeit. Das trifft besonders auf jene zu, die sich mit der Zeit bzw. mit Entwicklungsphasen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, in dem sie entstanden sind, beschäftigen. Waldes Praxis positioniert sich zwischen Kunst und Forschung, Kunst und Wissenschaft bzw. ist sie ein Versuch, den Narrativen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Visualisierung nachzuspüren. Forschungsergebnisse sind Momentaufnahmen und entwickeln sich üblicherweise weiter ‒ und somit auch die Kunst, die sich darauf bezieht.

 

Seit dem Beginn der Neuzeit (Leonardo da Vinci) steht die Kunst (Malerei) in enger Beziehung zur Wissenschaft. Mit den Erfindungen diverser Apparate (Mikroskop, Teleskop, etc.) konnten Wissenschaftler zunehmend mehr sehen als Künstler (Maler) mit freiem Auge. Damit ging zunächst eine Trennung der beiden einher. Vermehrt kam es jedoch bis zum heutigen Tag auch zum Einsatz derselben Technologieansätze in Kunst und Wissenschaft sowie zu einem Methodenaustausch. Sowohl der direkte Einsatz von Technologie als auch die Erfahrung der Vielfalt an wissenschaftlicher Visualisierung ermöglicht eine neue Form der Verwissenschaftlichung von Kunst. Bewegungen wie „Researched-based Art“, „Science-Art“, „Bioart“ oder „Robot-Art“ sind aktuelle Ausformungen dieser Entwicklung.

 

Auf der Suche nach Fehlstellen, blinden Flecken und Grauzonen

Martin Waldes Kunst setzt nur wenige avancierte Technologien direkt ein, vielmehr nützt der Künstler visuelle Strukturen aus der Wissenschaft, verbindet diese mit Formen des künstlerischen Darstellens und spinnt Forschungsergebnisse teilweise subjektiv weiter bzw. fragt nach den Fehlstellen, Irrtümern und Ungenauigkeiten. Im wissenschaftlichen Experiment ergeben sich blinde Flecken, Grauzonen des Wissens, die zu Spekulationen Anlass geben können. Das betrifft die Naturwissenschaften ebenso wie beispielsweise die Geschichtswissenschaften. Wie hat es wann wo ausgesehen, welche Bedingungen haben zu welchen Zeiten welche Wirkungen erzielt? Wie kann man Organismen rekonstruieren, über die es eine nur rudimentäre Faktenlage gibt? Wie haben unterschiedliche politische oder soziale Dynamiken Veränderungen an verschiedenen Orten bewirkt und wie haben sich diese geäußert? Wie kann man Zeit jenseits der Linearität aufzeichnen, wie bildet sich Historizität ab? Welche Schlüsse zieht dabei die jeweilige wissenschaftliche Sparte und welche Bilder entstehen dabei bzw. wie verändert sich dadurch unsere Realität? All das sind Fragen, denen in Martin Waldes Werk nachgegangen werden kann. Man wird sich als Publikum hier mit rationalen Fakten genauso konfrontiert sehen wie mit subjektiven Narrationen. Welche Konsequenzen werden aus welcher Faktenlage gezogen? Diese Frage stellt man sich in der Wissenschaft genauso wie innerhalb der Kunst.


Neue Galerie Graz, 2021, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Symbiose von Fakten und Fiktion in einer „Graphic Fiction“

Wenn Martin Walde nun in seiner Ausstellung im aktuellsten Werkkomplex Zwischenland nach der Geschichte eines oststeirischen Schlosses fragt, ergeben sich für ihn unterschiedliche Möglichkeiten der Kontextualisierung für Episoden, die mit der tatsächlichen Entwicklung des Gebäudes, des Ortes, der Landschaft dort und der Menschen zusammenhängen, die hier im Laufe der Zeit zu unterschiedlichen Zwecken zusammentrafen. Betrachtet man Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, ergeben sich verblüffende Unterschiede im Gesamten. Gemeinsam mit dem Zeichner Lenz Mosbacher hat Walde nun bereits über einen längeren Zeitraum diesbezügliche Fakten und Informationen gesammelt, um diese in der Form einer „Graphic Fiction“ neu ins Bild zu setzen. Gerüchte, Wissenslücken und Widersprüchlichkeiten werden dabei – wie grundsätzlich auch in der Geschichtswissenschaft – überbrückt und zu neuen Narrationen zusammengeschlossen. Fakten und Fiktionen gehen eine Symbiose ein. Storyboardartig gelangen die unzähligen Skizzen, Zeichnungen und Bilder unterschiedlichster Art in die Ausstellung. Die Episoden sind teilweise offen, noch nicht zu Ende formuliert, erfahren laufend Änderungen und sollen am Ende in eine umfangreiche „Graphic Fiction“ münden.


Neue Galerie Graz, 2021, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Eine Ausstellung mit Laborcharakter

Der Charakter der Ausstellung ist somit der eines Projektszenarios. Nicht Abgeschlossenheit, nicht das auratische Kunstwerk oder die hundertprozentige Sicherheit – so ist es gewesen – steht dabei im Zentrum, sondern die Spekulation aufgrund von Fakten wird hier ausgereizt. Der Charakter des Vorläufigen, des Unfertigen, des Ateliers bzw. des Labors zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Modelle, Fragmente, die jeweils in ihrer Detailsicht Aussagen über das größere Ganze zu geben imstande sind, prägen diese Werke, diese Präsentation. Spekulationen, wie ein Saurier mit Federn ausgesehen haben könnte, treffen sich hier mit den Annahmen von Rekonstruktionsversuchen der Hallucigenia, einer ausgestorbenen Tiergattung aus dem Kambrium. Der Name Hallucigenia wurde 1977 von Simon Conway Morris eingeführt und spielt auf das bizarre Äußere der Fossilien an, das dem Forscher wie eine Halluzination erschien. Für den Künstler ergibt sich aus dieser Unsicherheit der wissenschaftlichen Einschätzung die Möglichkeit zur künstlerischen Spekulation entlang einer weitgehen lückenhaften Faktenlage.

 

Allein anhand dieser zwei Beispiele – Zwischenland und Hallucigenia – kann man auf die Struktur dieser Kunst schließen bzw. versteht den Charakter der Ausstellung. Diese wird während ihres Verlaufes weiterwachsen, sich in manchen Punkten präzisieren oder in weiteren Details ausformen. Bezüglichkeiten diverser Fakten werden dabei weiter untersucht und entsprechend aufgezeichnet. Diese Ausstellung fordert ein aktives Publikum, das eventuell öfter in die Ausstellung kommt. Partizipation als wesentlicher Bestandteil dieser Kunst wird in unterschiedlicher Form angeboten.

________________

 

MARTIN WALDE. Facts from Fiction – Fiction from Facts
Laufzeit: 06.10.2021‒24.04.2022

Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel, 8010 Graz
www.neuegaleriegraz.at

 

Weitere Informationen sowie Bildmaterial finden Sie online unter: Martin Walde