Thrust. Jörg Schlick.

26th Biennial of graphic arts Ljubljana

23.06.-02.10.2005


Eröffnung: 22.06.2005
Kuratiert von: Elisabeth Fiedler

Ort: MGLC – International Centre of Graphic Arts, Ljubljana


Jörg Schlick, dessen Werk von formaler Heterogenität und Multiplizität geprägt ist, leitet Untersuchungen sowohl an ästhetischen, kunstimmanenten als auch an markt- und gesellschaftspolitischen Bruchstellen ein. In intensiver Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, der Philosophie, Religion, Musik, Wissenschaft, Wirtschaft und Alltagskultur und im Wissen um die Nichterreichbarkeit einer Wahrheit oder eines vollkommenen Meisterwerkes treibt er in vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten das Fragmentarische, das Prozesshafte in einer Anti-Ästhetik voran, die nicht Verehrung und damit Stillstand einfordert, sondern Aufbruch signalisiert.

Ausgehend von der Verabschiedung des Geniebegriffs im 19. Jahrhundert und in ironischer Auseinandersetzung mit diesem gehört er einer Künstlergeneration an, die, lange nach der Zertrümmerung der Sprache und der Verabschiedung klassisch festgelegter formaler Ausdrucksmittel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, immer neue Verbindungen zwischen high- und low-culture, Öffentlichkeit und Privatheit, Achtung vor und in schonungsloser Offenlegung von Überzeugungen Arbeiten schafft.

Als bildender Künstler, Musiker, Dramatiker, Komponist, Performer und Agitator ist Schlick Multiartist, der ohne klassische Ausbildung sein Interesse in amateurhaftem Understatement und respektlosem Umgang mit Hierarchien in anarchischer Intention auf Themen wie die Kunstgeschichte selbst ("Besser als Ludwig van", 1983), männlich dominierte Machtkonzentration (Mitglied der Lord Jim Loge), meisterlichen Autonomieanspruch (Auflösung des Originals durch das Mittel der seriellen Edition seiner Arbeiten) oder die künstliche Veränderbarkeit von und Einflussnahme auf das Leben via Genforschung und daraus resultierende Manipulation richtet. Er tastet Institutionen, Wertvorstellungen, geltende Kunstbegriffe ab, höhlt sie aus, entlarvt sie und stellt sie damit in Frage. Mit seinen virtuellen Konzepten in teilweise gigantomanischen Ausmaßen legt er Machtstrukturen offen, werden grenzenlos marktpolitische Zielstrebungen und die Perforierung der Welt durch medialen allgegenwärtigen Austausch und Einfluss thematisiert. Er vergegenwärtigt das Prinzip der dem Chaos innewohnenden Überfülle, der eruptiven und Grenzen sprengenden Entladung, die fiktiv angedacht wird, um schlussendlich minutiös gebändigt zu werden. In diesem Schwanken zwischen den Extremen verursacht Schlick einerseits interpretative Missverständnisse und wagt sich anderseits auf das gefährliche Terrain des Plakativen, des scheinbar Einfachen und leicht Lesbaren.

Die Vielschichtigkeit seiner Arbeit erschließt sich nicht aus der formalen Beschreibung, sondern erscheint als analytisch-ästhetische Verwobenheit, die konzeptuell angelegt ist. Er ist Hasardeur und Mahner zugleich mit dem antipodischen Ziel, seine Arbeit in medialer Vielfältigkeit über die gesamte Welt zu verbreiten und sie gleichzeitig auszulöschen. Auszulöschen in dem Sinn, dass sie keine Botschaften mehr transportiert, sondern nur mehr sie selbst ist. Daraus ergibt sich die absurde Situation, sich und den Betrachter stark retinalen Reizen auszusetzen, auf der Basis eines deja vu vielfältige Assoziationen aus der Darstellung einer mikrokosmischen Sequenz zu wecken und gleichzeitig jede Bedeutungsschwere oder Zielgerichtetheit durch Zersplitterung und Streuung des Gesehenen aufzulösen. War es einst Claude Monet, der in der Wiederholung der Sujets wie Heuhaufen oder Seerosen diese einerseits nobilitierte und andererseits die Auflösung des Gegenstandes einläutete und bedeutete bei ihm die Leinwand eine Leere, auf der die Natur allmählich zum Vorschein gebracht wird, so interessiert Schlick nicht der Inhalt als Message, sondern er splittet unsere Vorstellung durch stakkatoartige Sequenzierung von Bildern aus perspektivisch unterschiedlichen Blickwinkeln, wodurch er Sinn löscht und unsere Aufnahmefähigkeit flutet.

Mit seinen neuen Grafiken erschließt Schlick Ambivalenzen zwischen Handwerklichem und Maschinellem, Gestischem und Konzeptuellem, Zurückgeworfenheit auf sich selbst und Interaktivität. In seinen Zeichnungen sucht er sowohl das Konstruierte wie das Automatische, das Bunte wie die Farbreduktion und schleust sich sowohl in sein inneres Selbst als auch in die Unendlichkeit.

An die ecriture automatique der Surrealisten erinnernd, an Henri Michaux einerseits kalligraphische und andererseits die Tiefen der Seele auslotende Bildsprache, schreibt er sich, einmal reduziert auf die Farbe Schwarz, dann wieder in psychedelisch anmutender Farbigkeit manisch in Kreise ein, die, dem Rotationsprinzip entsprechend, allerdings keine Einförmigkeit, sondern erneut Dynamik und Konzentration vermitteln. Als Vorlage dient ursprünglich das Format von Plattencovern, das, größenmäßig mutierend, ebenfalls seriell angelegt ist.

Schlick öffnet dem Betrachter nun die Augen für das Hörbare: Gleich einem DJ scratcht er einzelne Sequenzen, verlangsamt oder beschleunigt und zieht uns mit in den Sog des Unendlichen. Auf begrenzten Schablonen schreibt er seine Partitur, um Intensitäten gleich einem seismographischen Diagramm lesbar zu machen. Die Art der Metamorphose, innerhalb der er Musik in den 1980er Jahren umwandelte, indem er sich statt an Noten an seine Aufzeichnungen hielt und ebenso wenig wie Beethoven äußere Vorgänge beschrieb, sondern seiner kämpferischen Gesinnung in Form von innerer Haltung Ausdruck verlieh, mutiert ein weiteres Mal.

Die scheinbare Nähe zum maschinell Regelmäßigen entpuppt sich bei genauer Betrachtung als mit der Hand in selbstentäußernder Gleichmäßigkeit und doch unterschiedlicher Intensität, jede Theorie der Berechenbarkeit von Funktionen außer Kraft setzende, gezeichnete bzw. geschriebene Symphonie. Auch die Wirkung des Ornamentalen, in der europäisch-okzidental christlichen Welt geschaffen aus dem Bilderverbot, verschwindet, sobald man sich den Arbeiten nähert, die Sprach- und Abbildlosigkeit aber bleibt. Energetische und gleichzeitig abgründige Sequenzen wechseln mit nachvollziehbaren, schwindelerregenden, keinen Sinn und kein Ende stiften wollenden Spiralen, die trotz der Kreisform weder Ziel noch Ausgangspunkt oder ein Zentrum kennen. Und dennoch schafft Schlick mit seinen Arbeiten ein Konzentrat, innerhalb dessen er selbstreflexiv die inhaltliche Entleerung einer stringenten, nachvollziehbaren Ordnung vorantreibt.

Neue Galerie Graz

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