Industriegeschichte in Ratten von 1920 bis 1960

von Johann Friesenbichler

 

Entstehung

1920 begann man in Ratten und St. Kathrein/Hauenstein mit dem Abbau der Braunkohle in großem Stil sowie dem Betrieb einer Gußglashütte. Vor dieser Zeit war Ratten  so wie die anderen Ortschaften im oberen Feistritztal vorwiegend landwirtschaftlich geprägt, mit Ausnahme der Hammerwerke, die man im Raum Ratten und Rettenegg betrieb.

 

Kohlevorkommen

Die Gewinnung der Kohle in 1.000 m Seehöhe am Fuße der Pretulalpe erfolgte vorwiegend im Tagbaubetrieb. Das weitaus größere Vorkommen der zweiten Grube in Ratten/St. Kathrein mit der Bezeichnung „Waldheimat“ hatte eine Gesteinsüberlagerung von 180 m bis 200 m. Abgebaut wurde in beiden Gruben von 1920 bis 1960 insgesamt ca. 2 Mio. Tonnen Braunkohle.

 

Glashütte

Die Gußglashütte in Ratten mit einer Betriebsgrundfläche von ca. 3.800 m² war zum damaligen Zeitpunkt die erste ihrer Art in der neu gegründeten Republik Österreich nach dem 1. Weltkrieg. Die erforderlichen 1.400 Grad Celsius für die Glasschmelze wurde mittels Generatorgas – gewonnen aus der Braunkohle – erreicht. Die Jahresproduktion des erzeugten Draht- und Ornamentglases sowie der Marmorglasfliesen betrug in den produktivsten Jahren bis zu 5.000 Tonnen.

 

Transport

Um die Beförderung für Kohle und Glas im großen Ausmaß zu ermöglichen, mussten entsprechende Transportwege teilweise unter widrigsten Umständen geschaffen werden. Mit einer 4,5 km langen Materialseilbahn wurde die Kohle vom Abbaugebiet am Kogl zur Brech- und Sortieranlage nach Ratten gebracht. Die Kohle aus der Lagerstätte „Waldheimat“ förderte man über den 2,8 km langen Friedensstollen vom Muldentiefsten aus ebenfalls nach Ratten.

Den Weitertransport für Kohle und Glas übernahm die neu errichtete 18 km lange Industriebahn von Ratten nach Birkfeld und dann weiter mit der bereits bestehenden Schmalspurbahn nach Weiz. Die Kohle wurde außerdem noch mit einer 12,7 km langen Materialseilbahn von Ratten über die Fischbacher Alpen zu den Bleckmannwerken in Hönigsberg im Mürztal angeliefert.

 

Wohnsituation

Etliche Jahre beschäftigten die Feistritztaler Industriebetriebe bis zu 600 Personen, darunter viele aus den ehemaligen Kronländern der Monarchie. Mangels geeigneter Verkehrsverbindungen waren sie in Mehrparteienhäusern oder Baracken in Ratten, am Kogl und in einer Bergarbeitersiedlung einige Kilometer außerhalb des Ortes St. Kathrein/Hauenstein untergebracht.

 

Beendigung

Die Förderung am Kogl wurde 1928 eingestellt, die Grube „Waldheimat“ im Jahre 1960. Die Glashütte wurde ca. 1934 stillgelegt.

 

Hinweis

Die industrielle Entwicklung im Raum Ratten ist in dem Buch „Industrie in Ratten“ umfassend dokumentiert und durch ca. 500 Fotografien ausführlich belegt. Diese empfehlenswerte Publikation ist bei der Gemeinde Ratten bzw. beim Autor Johann Friesenbichler (E-Mail: hans.friesi@aon.at) erhältlich und wird auf Wunsch auch zugesendet.

 

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

22. April
10. Juni

24. bis 25. Dezember
31. Dezember

Detaillierte Bildbeschreibungen

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Foto 01

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Das Industriegelände in Ratten 1931. Links vorne ein Teil des Bahnhofsgebäudes der 1930 für den Personenverkehr eröffneten Bahnstrecke Ratten – Birkfeld. Bildmitte die Brech-, Sortier- und Abfüllanlage für die Kohle, dahinter das Mundloch des 2,8 km langen Friedenstollens. Rechts die Betriebsanlagen der Glashütte. Bild oben Mitte einige Stützen der Materialseilbahn Ratten Hönigsberg.

Foto 02

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Ehrengäste anlässlich der 1924 erfolgten Betriebsbesichtigung. Die namhaftesten unter ihnen waren Bundespräsident Dr. Michael Hainisch, Landeshauptmann der Steiermark Dr. Anton Rintelen, Generalkommissär des Völkerbundes Dr. Alfred Zimmermann, Landesrat und Pfarrer von St. Kathrein/H. Leopold Zenz u. a.

Foto 03

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Um die Kohle am Kogl im Tagbaubetrieb fördern zu können, musste eine 10 Meter mächtige Überlagerung mit Löffelbaggern abgetragen werden.

Foto 04

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Die für die Beseitigung des Abraumes erforderlichen Lokomotiven fuhren über eine ca. 6 km lange Strecke von Ratten zum Bergbau Kogl mittels Gleisjoche auf der Straße und großteils mit eigenem Antrieb.

Foto 05

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Streckenvortrieb in der Grube. Eine mit Pressluft betriebene Kolbenschrämmmaschine, auf einem senkrecht stehenden Stahlrohr montiert, bohrt sich in den Kohleflöz. Im Stollenausbau wurde die polnische Türstockzimmerung angewendet.

Foto 06

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Mit sogenannten Sturzhunten förderte man die Kohle teilweise mit Manneskraft über Zwischensohlen und Sturzrollen zu den Hauptsohlen.

Foto 07

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Das erste Aufziehen der Seile erfolgte händisch. Im Bild ziehen etwa 20 Männer das Seil Richtung Hauereck.

Foto 08

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Seil spleißen (Zusammenflechten zweier Drahtseilenden). Die einzelnen Litzen (Drähte) wurden umgebogen, in Muffen gepresst, mit Blei ausgegossen und verschraubt. Das Tragseil mit 33 mm Durchmesser hatte 37 Einzeldrähte.

Foto 09

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Die Stütze Nr. 96 mit einer Höhe von ca. 10 Metern vor ihrer Aufrichtung. Für das Abbinden (Zusammenbauen) einer Stütze von 15 bis 18 Meter Höhe benötigten 4 Arbeiter ca. 1014 Arbeitstage.

Foto 10

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Mit einer Schaufel brachte man das Gemenge aus Quarzsand, Soda, Pottasche und/oder Glasscherben sowie Kalk und Blei in die Tageswanne ein. Der Schmelzpunkt betrug ca. 1.400 Grad.

Foto 11

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Das zähflüssige Glas, mit ca. 1.100 Grad Celsius aus dem Ofen entnommen, wurde auf dem Gusstisch aufgebracht. Durch eine über das Glasband geführte Walze entstand die gewünschte Oberflächenstruktur und Stärke des Glases.

Foto 12

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Die Bahntrasse brachte man oft mit einfachsten Mitteln auf das erforderliche Niveau. Laut einem Protokollvermerk schätzte man die zu bewegenden Erdmassen der Bahnstrecke Ratten – Birkfeld auf 150.000 m3.

Foto 13

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Nach Verbesserungen an der Strecke wurde am 30. Mai 1930 die Bahnlinie Ratten – Birkfeld auch für den Personenverkehr unter Beisein von Bundespräsident Dr. Wilhelm Miklas feierlich eröffnet. Im Bild der festlich geschmückte Sonderzug am Bahnhof Ratten.

Foto 14

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1921 wurde vom Feistritztaler Industriekonzern ein Zugwagen, Type Goliath, um Kronen 850.000,-- aus Heeresbeständen angekauft. Es handelte sich hierbei um einen Artillerie-Zugwagen, den man 1917 als Zugfahrzeug für einen 30,5 cm Belagerungsmörser eingesetzt hatte: Höchstgeschwindigkeit 14,5 km/h, Verbrauch 190 Liter/100 km, Leistung 82 PS.