Steirisches Wasser für Wien – Bau der Zweiten Hochquellenwasserleitung

Um die Jahrhundertwende vermochte die Erste Wiener Hochquellenleitung den Wasserbedarf der Reichs- und Residenzstadt Wien aufgrund des rasanten Bevölkerungszuwachses nicht mehr zu decken. Diese wurde nach vierjähriger Bauzeit bereits am 24. Oktober 1873 eröffnet. Dabei wird Hochquellwasser aus dem Rax- und Schneeberggebiet im südlichen Niederösterreich und in der Steiermark in einer 95 km langen Leitung nach Wien verbracht.

Es galt daher, neue Wasserreserven zu erschließen. Im Jahr 1900 beschloss der Wiener Gemeinderat auf Initiative von Bürgermeister Dr. Karl Lueger, eine zweite Hochquellenleitung zu errichten. Der städtische Ingenieur Oberbaurat DI Dr. Karl Kinzer „entdeckte“ die dafür notwendigen Quellen und deren Wasserreichtum im steirischen Hochschwabgebiet (Salzatal). 100 Aquädukte und 19 Düker (Siphon aus Gussrohrleitungen) mit Längen von bis zu 2,5 Kilometern mussten zur Über- bzw. Unterquerung von Flüssen und Tälern errichtet werden. Die Errichtung der 200 Kilometer langen Leitungsverbindung erforderte großen technischen Aufwand, denn für nahezu 100 Kilometer der Trasse mussten Stollen geschlagen werden. Die Leitung wurde über die gesamte Länge fallend angelegt, sodass das kostbare Nass über einen Höhenunterschied von 361 Metern nach Wien fließt, ohne dass Pumpanlagen benötigt werden. Der Wasserdruck erreicht in den verwendeten Gussrohren fast 9 Bar. Bei den Winkel- und Knickpunkten mussten daher mächtige Betonwiderlager zur Aufnahme der Schubkräfte eingebaut werden. Ablassschleusen im Bereich größerer Flüsse ermöglichen das Entleeren der Leitung für Kontroll-, Wartungs- und Reinigungsarbeiten. Während des Wasserleitungsbaues waren bis zu 10.000 Arbeiter im Einsatz. 

 

Am 2. Dezember 1910 konnte die Zweite Wiener Hochquellenleitung (ursprünglich: II. Kaiser-Franz-Josef-Hochquellenleitung) in Betrieb genommen werden. Bei einem Festakt im Wiener Rathaus schaltete Kaiser Franz Josef I. symbolisch eine „Wasserkunstanlage“ ein und genoss den ersten Schluck des frischen und köstlichen Quellwassers aus einem Kristallkelch.


Wildalpen wurde durch die Zweite Hochquellenwasserleitung Sitz der Betriebsleitung der Wasserwerke und der Forstverwaltung der Stadt Wien. Seit der Jahrhundertwende besteht daher ein enges Verhältnis der Gemeinde Wildalpen zur Stadt Wien, die für viele dort ansässige Bewohner/innen zum Arbeitgeber geworden ist. Es ist also wenig verwunderlich, wenn im Salzatal plötzlich ein Traktor mit Wiener Kennzeichen von einem Forstweg in die Landesstraße einbiegt.


Seit 1910 fließen täglich ca. 217.000 m³ Trinkwasser aus dem Hochschwabmassiv in die Bundeshauptstadt Wien.


Wir bedanken uns herzlichst bei der Stadt Wien – Wiener Wasser (MA 31) –, die uns beeindruckende fotografische Dokumente zum Bau der Zweiten Wiener Hochquellenleitung für das Projekt „Landesaufnahme“ zur Verfügung gestellt hat. Die Fotografien stammen allesamt aus dem Konvolut „Firma F. Marinelli & L. Faccanoni“, 1900 bis 1910. 

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