Böhler Edelstahl Kapfenberg – die Anfänge eines steirischen Global Players

"Denn sie glaubten an sich und an den Steirischen Stahl." (Zitat Otto Böhler)

Am 15. April 1870 gründeten die aus Frankfurt am Main stammenden Brüder Albert und Emil Böhler die Gebrüder Böhler & Co Handelsgesellschaft in Wien. Gerade einmal 25 Jahre und 27 Jahre alt, erkannten sie das Potenzial des in der Steiermark erzeugten Stahles, dessen Vermarktung sie sich zum Ziel gesetzt hatten. Ein Vertrag für den exklusiven Vertrieb dieser Produkte sollte der Beginn einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte werden.

Schon nach kurzer Zeit war Böhlerstahl ein Qualitätsbegriff. Um auf die gestiegene Nachfrage besser und flexibler reagieren zu können, erwarben die Brüder neben anderen Produktionsstätten auch bereits 1872 die Bruckbacherhütte, ein Schmiede- und Walzwerk in Waidhofen. Ab nun war man Produzent. Die Stahlblöcke, also das Vormaterial, bezog man aus Kapfenberg. Die Produktvielfalt wurde stetig erweitert.

 

Mittlerweile war auch Friedrich Böhler, der wie Otto in England studierte und aufgrund vieler Reisen ausgezeichnete Kontakte in alle Welt hatte, ins Unternehmen eingetreten. Er übernahm die Funktionen von Emil, der 1875 verstarb.

 

In Kapfenberg sorgte Dr. mont. Fridolin Reiser, ein begnadeter Metallurge und Schüler des berühmten Peter Tunner, für revolutionäre metallurgische Erkenntnisse und weltweite Furore, die in seinem berühmten Werk über "Das Härten des Stahles in Theorie und Praxis" veröffentlicht und in über 30 Sprachen übersetzt wurde. Die Kunden waren begeistert und erkannten rasch diese Wettbewerbsvorteile. Die Nachfrage explodierte förmlich und aus der anfänglichen österreichisch-ungarischen Vertriebstätigkeit folgten Niederlassungen in Deutschland, Frankreich und Russland. Sogar in England, ausgerechnet in Sheffield, vor den Toren der berühmten Sheffield Stahlwerke, die damals dominierend die k. u. k Monarchie belieferten, wurde eine Niederlassung errichtet.

 

Böhler gelang es, den englischen Stahlgiganten immer mehr zu verdrängen und durch gewieftes Marketing und kompromisslose Qualität deren Kunden für sich zu gewinnen.

 

"Die Arbeit eines knappen Jahrzehntes hat genügt, um den englischen Stahl aus dem Felde zu schlagen", soll Otto Böhler, ein Bruder Emils, Alberts und Friedrichs später gesagt haben.

 

Es folgten Niederlassungen in Brüssel, Odessa, Baku und Riga und mit Gründung von Böhler Boston wurde 1889 der legendäre Stahl auch über den Atlantik verschifft. Der Besuch eines hohen japanischen Offiziers  er entwickelte das Repetiergewehr  sollte der Beginn der Geschäftsverbindung mit Japan sein. Später folgten Vertretungen in Tokio und Kokura sowie Shanghai. Böhler war Global Player, eine Position, die keine andere österreichische Marke nur annähernd erreichte. Ein Beweis für die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem ist die Tatsache, dass Albert Böhler das erste Telefonat überhaupt von Wien nach Tokio führte.

 

1894 erwarben die Gebrüder Böhler schließlich um 800.000 Gulden von der Österreichischen Montangesellschaft die Gussstahlhütte in Kapfenberg, dessen Vertrieb sie schon 24 Jahre exklusiv innehatten.

 

Der Werkzeugstahl erfreute sich höchster Beliebtheit und das Unternehmen wuchs in Kapfenberg von 400 Beschäftigten im Jahre 1894 auf ca. 7.000 im Jahre 1914. Weltweit zählte man sogar schon 14.000 Mitarbeiter.

 

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlagerte die Produktion von zivilen hin zu Kriegsprodukten.

 

Am 3. Dezember 1914 starb Friedrich Böhler, sein Bruder Otto am 5. April, ein Jahr davor. Es sollte ihnen erspart bleiben, ihr Unternehmen als ausschließlichen Kriegswaffenproduzenten miterleben zu müssen.

 

* Zitiert nach 120 Jahre Böhler Kapfenberg, Kurt Weidhofer, 2016

 

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