TIEFEN.SCHÄRFE IM GRENZ.RAUM

In Memoriam Inge Morath 2023

25.05. - 25.06.2023

Bildinformationen

Laufzeit

25.05. - 25.06.2023

Eröffnung

25.05.2023, 19 Uhr

Ort

Kunsthaus Graz, Foyer, Kellerkino

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Über die
Ausstellung

"Die Grenze ist das Ende von etwas, aber auch der Beginn, der Ausweg und der Eingang, der Wunsch zu vergessen und das Bedürfnis nach Erinnerung."


Zusatzinformationen

 

Parallel zur Ausstellung Körper und Territorium und im Rahmen von "20 Jahre 03" widmen sich zum 100. Geburtstag der Fotografin Inge Morath eine Ausstellungsintervention und ein Gespräch der Re-Lektüre des 2003 erschienen Buches Grenz.Räume.

 

Ein Projekt von Regina Strassegger.
In Kooperation mit dem Kunsthaus Graz.

„Dieser Landstrich ist eine heimliche Sehnsucht von mir. Machen wir was.“

Dass dieser Satz Inge Moraths im Jahr Null des neuen Jahrhunderts auf eine photo-filmische Reise der Grenzerfahrungen führen und weit über den südsteirisch-slowenischen Raum hinaus zu Buch, Film und Ausstellung unter dem Titel GRENZ.RÄUME führen würde, war nicht absehbar. Regie für diesen Grenzgang mit Tiefenschärfe führte der Zufall: Die Magnum-Photographin mit Weltruf war für eine Ausstellungseröffnung aus Amerika in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Und es war einer jener Tage des spontanen „Jetzt“, an dem die Zeichen für ein schillerndes Projekt gutstanden: Graz sollte 2003 Kulturhauptstadt Europas werden, der südliche Nachbar würde dann als erster ex-jugoslawischer Staat Teil der EU sein und Moraths Geburtsstadt wollte zu deren 80er eine rauschende Fete schmeißen. Perfekt – so der Plan zur heimlichen Sehnsucht

Inge Morath

Inge Morath freute sich auf ungezwungene Landpartien entlang der Jahreszeiten im „Paradies ihrer Kindheit“ – goldenes Licht, tolle Photos, gemütliches Zusammensein mit alten Freunden im „Haus an der Grenze“. Mein Drehbuch sah indes auch anderes vor; zu brisant waren die Ereignisse in der historisch neuralgischen Zone gewesen, sehr persönlich die politischen Verquickungen der Großeltern mütterlicherseits bzw. der befreundeten Familien Mörath und Dadieu im „Haus an der Grenze“. Dass sich im Gästebuch des einstigen SS-Gauhauptmanns der Steiermark Unterschriften aus konträren Zeiten und Welten wie Hermann Göring und Arthur Miller befanden, gehörte zum dokumentarischen Reiz dieser Spurensuche. All das war Morath, seit 1962 mit der Dramatiker-Ikone Arthur Miller verheiratet, zu politisch: „Da sage ich nein“. Eine schwierige Konstellation mit zunehmend verschärften Bedingungen: 9/11 hautnah, Amerika im Krieg und eine verborgen gehaltene Karzinom-Diagnose der 79-Jährigen. Als Inge Morath Ende Januar 2002 starb, schrieb Arthur Miller im Vorwort unseres Buches über seine Frau: „In der Idee der Grenze schien sie die Komplexität ihrer eigenen Existenz gefunden zu haben. Die Grenze ist das Ende von etwas, aber auch der Beginn, der Ausweg und der Eingang, der Wunsch zu vergessen und das Bedürfnis nach Erinnerung.“

Jetzt, zwei Dekaden später, in Zeiten des Krieges, der Krisenkaskaden, ist das Grenzwertige alltäglich geworden. Die Diktion der Zeitenwende impliziert seit dem 24. Februar 2022 einen gewaltsamen Umbruch, einen Abschied von der Welt, wie wir sie kannten. Wie in schlimmsten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts mutiert die willfährige Interpretation von Geschichte zur tödlichen Waffe, zählen krudeste Verdrehungen der Wirklichkeit zur hybriden Kriegführung. Die Welt und die Wirklichkeit, dieser synonyme Anspruch nach einer inneren Wahrheit suchenden Photographie, in deren Tradition Inge Morath stand, ist im rasanten Infotech nicht mehr gültig. Hoch im Kurs stehen hingegen manipulativ kommerzielle Handlanger, die Untiefen des Seichten und Verlogenen. Der Mensch als Opfer seiner technoiden Allmacht. Das ist ganz im Sinn von digital hegemonial getriebenem Despotismus, der der pluralen Demokratie den Kampf angesagt hat. Umso dringlicher stellen sich die zeitlos aktuellen Fragen nach dem Phänomen des Verschweigens, Verdrängens und Verleugnens. Und wie schützen sich Gesellschaften davor – auch mit Hilfe der Kunst.
 

Dank an Branko Lenart und Stojan Kerbler.