Funktionale Architekturen

Funktionale Architekturen sind Bauten und bauliche Maßnahmen, die der bestmöglichen Erfüllung bestimmter Aufgaben dienen. Die Mur kennt viele solcher Bauwerke, die vorübergehend oder dauerhaft errichtet wurden und heute teilweise verschwunden sind.

 

Brücken und Überfuhren, Mühlen und Sägen, Plätten, Kraftwerke oder Zollstationen wurden je nach den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit entwickelt, um den Fluss zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse nutzbar zu machen. Darüber hinaus haben sie auch die räumliche Wahrnehmung, die Kommunikation und das Handeln der Menschen am Fluss geprägt.

Plätte

Plätten waren kastenförmige Schiffe aus Holz. Durch ihren flachen Boden unterschieden sie sich vom Kielschiff. Für die Mur sind zwei Bauweisen belegt: Ein Teil der Murplätten war rechteckig und ganz flach. Andere liefen vorne schmal zusammen und waren etwas aufgebogen, während ihr hinterer Bereich breit und flach war.

 

Wie bei den Flößen, gab es auch bei Plätten verschiedene Größen. Man unterschied ganze, Dreiviertel-, halbe und Viertelplätten. Eine ganze Plätte konnte mit einer Last von bis zu 1,7 Tonnen beladen werden. Plätten waren schneller als Flöße. Am Zielort angekommen, wurden sie um ihren Holzwert verkauft.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Brücke

Brücken sind Verbindungsbauwerke. Sie werden nach ihrem Zweck und Baustoff, ihrer Form und Konstruktionsweise unterschieden. Die Bestandteile einer Brücke sind Fundament, Stütze, Träger und Brückentafel. Letztere nimmt unmittelbar die Verkehrslasten auf und überträgt diese samt dem Eigengewicht auf die Stützen und das Fundament.

 

Das Modell zeigt die alte Hauptbrücke in Bad Radkersburg. Sie wurde 1880 als Holzkonstruktion errichtet. Im März 1929 fiel sie als letzte innerstädtische Holzbrücke über die Mur einem Eisgang zum Opfer, der durch Tauwetter verursacht worden war.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Fähre

Eine Fähre ist ein Wasserfahrzeug, das Personen und Fahrzeuge über einen Fluss oder See bringt. Fähren bewegen sich zwischen zumindest zwei Anlegestellen. Vorrichtungen wie Landebrücken ermöglichen den Übergang zwischen Fähre und Ufer.

 

Es gibt verschiedene Typen von Fähren. Zu den nicht freifahrenden zählen Schwebe-, Seil und - strömungsbetriebene Fähren. Seilfähren bewegen sich an verankerten Stahlseilen oder Ketten von einem zum anderen Anlegeplatz und sind immer fest mit beiden Ufern verbunden. Sie bewegen sich durch eigenen Antrieb. Schwebefähren hängen unter einer Brückenkonstruktion und überqueren das Gewässer schwebend. 

 

Das Modell zeigt, dass strömungsbetriebene Fähren mit Seilen im Fluss verankert sind und die Energie des Wassers nutzen, indem sie ihren Rumpf schräg zur Strömung einstellen.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Schiffsmühle

Die an der Mur üblichen Schiffsmühlen bestanden aus einem Mühl- und einem Wellenschiff. Das schwimmende Mühlschiff stand an der Uferseite. Das etwas kleinere Wellenschiff lag an der Flussseite. Den Abstand zwischen den beiden garantierten starre Spannbalken. Zwischen den Schiffen lag das Wasserrad.

 

Zur idealen Nutzung der Fließwasser-Energie wurde das Wasserrad möglichst breit konstruiert und mit 8–16 Schaufelbrettern versehen. Die Zahl seiner Umdrehungen ergab sich zudem aus der Menge und Fließgeschwindigkeit der Wassers.

 

Damit Schiffmühlen nicht davontrieben, wurden sie am Ufer verankert oder durch Anker im Fluss fixiert. Gefährdet waren Schiffsmühlen vor allem durch Hochwasser und Eis.

 

Das für Schiffsmühlen geeignete Flussgebiet der Mur beginnt im Raum um Mureck, da ihr Einsatz ein größeres, nicht zu wildes Fließwasser voraussetzt. 1860 gab es an der Mur 43 Schiffsmühlen.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Sägemühle

In der frühen Neuzeit war für viele Gewerbe, so auch für die Holzverarbeitung, die Wasserkraft ein entscheidender Faktor. Im deutschsprachigen Raum werden Sägemühlen zum Zerschneiden von Holzstämmen in Bretter ab dem 14. Jahrhundert genannt. Dampfschneidemühlen und später elektrisch betriebene Sägewerke verdrängen den Betrieb von Sägemühlen durch Wasser.

 

Das Modell zeigt eine Sägemühle aus der Zeit um 1900. Die angelieferten Baumstämme werden mittels einer Winde ins Gebäude und auf dem hölzernen Sägeschlitten in Position gebracht. Das Wasser, dessen Zulauf kontrolliert werden kann, treibt das Wasserrad an. Die entstandene Energie wird auf die feststehende Säge übertragen und setzt das Sägeblatt in Bewegung. Der hölzerne Sägeschlitten kommt durch das im Erdgeschoss befindliche Triebwerk in Fahrt.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Mühlgänge

Die gewerbliche Nutzung der Mur erfolgte in Graz vornehmlich an den beiden Mühlgängen. Aus natürlichen Seitenarmen des Flusses entstanden, wurden sie im 15. Jahrhundert erstmals genannt. 

 

Beide Mühlgänge nahmen ihren Ausgang bei der Ortschaft Weinzödl. Die natürlichen Gegebenheiten legten eben dort die Errichtung einer Wehranlage nahe. So entstanden das obere und das untere Weinzödlwehr zur Versorgung des rechten und linken Mühlgangs.

 

Der rechte Mühlgang existiert bis heute und kehrt nach 30 Kilometern bei Werndorf in die Mur zurück. Der zweite, linke hatte lediglich eine Länge von 5 Kilometern und wurde in den 1970er-Jahren aufgelassen. Die beiden Wehren verschwanden mit dem Kraftwerksbau Ende der 1970er-Jahre.

 

Früher ermöglichen die Mühlgänge den Betrieb von Mühlen oder Hammerwerken. Ihr Wasser fand aber auch in den Grazer Haushalten, zur Bewässerung von Grünflächen oder zur Brandbekämpfung Verwendung. Bis in die späten 1980er-Jahre wurde das Wasser des Mühlgangs auch zur Kühlung verwendet. Heute finden sich am Mühlgang 17 Kraftwerke in und südlich von Graz.

Plan über den Verlauf der Mur und des linksseitigen Mühlganges von der Göstinger Au bis zu Dritten Sacktor, 1815

Wehr

Der Begriff Wehr bezeichnet eine Stauanlage in einem Fließgewässer. Wehren wurden in früheren Jahrhunderten aus Stein, Holz und Eisen angelegt. Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Im Rahmen von Flussregulierungen konnten Wehre das zu starke Gefälle eines Flusses mäßigen. Sie konnten Gewässer mit geringer Tiefe schiffbar machen. Wehre dienten auch der Zuleitung von Wasser für den Betrieb einer Mühle. Häufig wurden und werden sie in Verbindung mit Kraftwerken angelegt.

Ferdinand Runk, Frauenburg an der Mur, ohne Datum, Steiermärkisches Landesarchiv

Fischerhütten

Im ausgehenden 19. Jahrhundert tauchen auf Postkarten und Fotografien Holzhütten im Bereich des heutigen Nikolaiplatzes und Grieskais auf. Es handelt sich dabei um Fischerhütten, die auf Plätten befestigt und über Stege mit dem Ufer verbunden waren.

 

Das Grazer Volksblatt erwähnt sie im Herbst 1878 als „Herrn Pammer´s Fischerhütte auf dem Murfluß“. Im Juli 1883 wird von den Fischerhütten am neuen Quai geschrieben. Dramatisches weiß das Grazer Tagblatt im Oktober 1894 zu berichten: Regenfälle führten zu Hochwasser, das die erste Fischerhütte, jene des Herrn Drosg, massiv bedrohte. Die Plätte, auf welcher die Hütte steht, wurde in später Abendstunde mitten entzweigerissen, und es bestand die Gefahr, dass die Hütte zertrümmert und von den Fluten fortgeschwemmt werde. Der städtischen Feuerwehr gelang es schließlich, die Teile der Plätte mit Stricken zu sichern.

Steiermärkisches Landesarchiv

Das Kraftwerk Peggau-Deutschfeistritz

Das Laufkraftwerk Peggau-Deutschfeistritz wurde 1908 mit fünf Doppel-Francis-Turbinen eröffnet. Zum Kraftwerk gehörte damals neben dem schlossartig gestalteten Maschinenhaus die rund 100 Meter lange Wehranlage samt Wehrbrücke aus Stahlbeton. Drittes Teilelement des Kraftwerks war ein gut drei Kilometer langer Zulaufkanal.

 

Laufkraftwerke nutzen das natürliche Gefälle eines Fließgewässers und die Geschwindigkeit der Strömung. Zusätzlich aufgestaut, wird das Wasser gezielt auf die Turbinen gelenkt. Diese treiben den Generator an, der den Strom erzeugt. Die in Peggau-Deutschfeistritz ursprünglich erzeugte Energie reichte aus, um mehrere lokale Papierfabriken, Gemeinden und Bahnhöfe mit Strom zu versorgen. Die erzeugte Strommenge hängt dabei wesentlich vom Wasserstand eines Flusses ab. Die Leistung des Kraftwerks bezeichnet die Geschwindigkeit der Stromerzeugung. Sie hängt von der Anzahl und Bauart der Turbinen ab.

 

1965 verlor das historische Krafthaus seine Funktion. Heute zählt es zu den bedeutendsten Zeugnisse der frühen österreichischen Elektrizitätswirtschaft.

VERBUND Hydro Power GmbH, Werkgruppe Steiermark

Militärschwimmschule

Die Grazer Militärschwimmschule entstand zwischen 1823 und 1828 nördlich der Keplerbrücke zwischen der Mur und dem linksseitigen Mühlgang. Ursprünglich dem Militär vorbehalten, erlangte die Schwimmschule bald Öffentlichkeitsrecht. Für Damen wurde ein eigenes Schwimmbassin eingerichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Umgestaltung die Schwimmschule zum Freibad. Im Jahr 1978 wurde es geschlossen.

 

Das Becken der Schwimmschule war rund 60 Meter lang sowie 20 Meter breit. Gespeist wurde das Schwimmbad aus dem linken Mühlgang. Im Jahr 1876 wird berichtet, dass das bis dahin 14 bis 15 °C warme Wasser durch die Zuleitung von täglich 12.000 bis 15.000 Eimer lauwarmen Wassers auf angenehme 18 Grad erhöht werden konnte. Das Warmwasser wurde aus dem Maschinenhaus des Wasserwerks durch eine eigene Röhrenleitung zugeführt.

 

Steiermärkisches Landesarchiv

Brauerei

Im Oberen Murtal wird seit dem Mittelalter Bier gebraut. Mitte des 15. Jahrhunderts gab es in Murau bereits drei Brauereien. Im 16. Jahrhundert wuchs ihre Anzahl auf sieben an. Die einzig erhaltene ist die Brauerei Murau, die 1495 gegründet wurde.

 

Voraussetzung für das Bierbrauen war zu jeder Zeit das Wasser, mit dem die Murauer Bevölkerung im 16. Jahrhundert über mehrere Brunnen versorgt wurde. Mit der Zeit erlaubte der Stadtrat auch den Gewerbetreibenden, Wasser mit Holzrinnen in ihre Häuser zu leiten. Dazu zählten auch die Brauer. Die Entsorgung der Abwässer erfolgte bis zur Errichtung der Kanalisation in die Mur.

 

Im späten 19. Jahrhundert werden die wesentlichen Weichen für die Weiterentwicklung der Murauer Brauerei gestellt: Auf der Wiese in der Murschleife wird für die Transportfässer eine Picherei errichtet, Fasswaschanlagen werden vergrößert, eine neue Binderhalle samt Werkstatt wird gebaut. Die Brauerei expandiert, und mit dem Bau eines E-Werks an der Mur kommt das Unternehmen im 20. Jahrhundert an: Es wurde nach großem Engagement der Brauereiführung im Jahr 1907 von der Stadt beauftragt und erlaubte die Umstellung des Brauhauses auf elektrischen Betrieb sowie die Einführung der elektrischen Beleuchtung.

Brauereimuseum Murau

Zollhaus

Die Grenzziehung zwischen Österreich und Jugoslawien nach dem Ersten Weltkrieg führte zur Errichtung von Zollhäusern an beiden Seiten der Mur. Als in Bad Radkersburg 1929 hochwasserbedingt eine neue Murbrücke notwendig wurde, baute man auch ein neues Zollhaus: Es entstand als schlichtes Gebäude an der Brücke.

 

Es bot Platz für alle Organe der Grenzkontrolle: die Gendarmerie, die Steueraufsicht und das Zollamt, zudem zwei Wohnungen. Die Zollwache kontrollierte die Ein- und Ausfuhr von Waren. Für die Personenkontrolle war grundsätzlich die Gendarmerie bzw. Polizei zuständig. In den späten 1960er-Jahren wurde auch diese Aufgabe der Zollwache übertragen.

 

Mit dem Beitritt Sloweniens zum Schengener Abkommen (2007) wurden die Zollhäuser obsolet: 2009 /10 wurde das Zollhaus in Gornja Radgona abgerissen. Jenes auf österreichischer Seite hat die Bundesimmobiliengesellschaft zur Versteigerung freigegeben, seit 2012 ist es als Kulturraum reaktiviert.

Museum im Alten Zeughaus, Bad Radkersburg

Fischaufstiegshilfe

Die Zahl der Kraftwerke an der Mur hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Für Fische und andere Wasserlebewesen, die flussauf- und flussabwärts wandern, stellen sie unüberwindbare Hindernisse dar. Aufgrund geänderter gesetzlicher Rahmenbedingungen gibt es heute zahlreiche Bemühungen zur Wiederherstellung durchgängiger Fischlebensräume. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Errichtung von Fischaufstiegshilfen.

 

Aufstiegshilfen sind wasserbauliche Vorrichtungen. Ihre Planung erfolgt gemäß den gewässertypischen Gegebenheiten. Zudem entscheiden die Größe eines Kraftwerks und die zu überwindende Höhe über Typ und Ausführung.

Fischleiter, Kraftwerk Peggau-Deutschfeistritz, 1909  Historisches Archiv der VERBUND Hydro Power GmbH, Werksgruppe Steiermark

Murgondeln

Unter dem Begriff „Murgondel“ ist die Idee einer Stadtseilbahn bekannt geworden. Die Stadt Graz wächst, die Innenstadt ist stark verkehrsbelastet. Abhilfe könnte eine gut 6 Kilometer lange Seilbahn im Murbett, und mit mehreren Ausbaustufen bis hin zum Flughafen bringen. Als Vorteile gegenüber der Straßenbahn werden nicht nur eine weit höhere Kapazität, sondern auch wesentlich kürzere Fahrzeiten genannt.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

10. Juni

24. bis 25. Dezember
31. Dezember