Ablagerung des Zeitlichen

Geschichte entsteht durch Einschreibungen, Überlagerungen und Löschung von Zeichen. Dort, wo durch Überreste und Spuren das Gestern greifbar wird, erkennen wir auch die Gegenwart als etwas „Gewordenes“ – und Landschaften als immer wieder überschriebene und übermalte Vorlage.

 

Auch die Mur erscheint bei näherer Betrachtung als eine komplexe Oberfläche, aus der menschliche Ideen, Praktiken und Dynamiken früherer Zeiten herausragen. Die Mur ist ein Geschichtsbuch, in dem wir lesen und sehen können. Eine abschließende Spurensuche, dokumentiert von Nicolas Lackner.

Überfuhr Kalvarienberg

Die abgebildete Treppe und die Architekturfragmente sind Reste einer Überfuhr, welche die beiden Seiten der Mur nächst dem Kalvarienberg verband. Eine erste Überfuhr an dieser Stelle ist für die Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. Sie war im 19. Jahrhundert eine Zeit lang neben der Franz-Ferdinand-Kettenbrücke und der Weinzödlbrücke die einzige Möglichkeit, die Mur zu überqueren.

 

Der Bau einer Seilüberfuhr in den 1860er-Jahren kostete 800 Gulden, ihre jährliche Erhaltung rund 100 Gulden. Eine Überfuhr kostete tagsüber drei Kreuzer, nachts sechs. Die Mitnahme eines Handkarrens kostete zwei Kreuzer extra. Für Militär, Gendarmerie, Finanzwachbeamte sowie für auf dem Arm getragene Kinder war die Überfuhr kostenlos.

Ausgang linker Mühlgang

Die Mur war wegen ihres unregelmäßigen Wasserstandes nur bedingt für den Betrieb von Mühlen geeignet. So kam es zur Anlage sogenannter Mühlgange. In Graz entstanden im 13. Jahrhundert zwei dieser Kanäle, die im Norden bei Weinzödl vom Fluss abzweigten. Der rechte Mühlgang prägt noch heute das Bild der Stadt, der linke wurde 1976 aufgelassen. Er verlief mit einer Länge von mehr als 5 Kilometern im Bereich der Weinzöttlstraße, Lindengasse, Kahngasse und Körösistraße, bevor er in die Mur zurückfloss. Auf den neu entstandenen Bau- und Verkehrsflächen wurde unter anderem der heutige Fahrradweg errichtet.

 

Die Bogenkontur in der Ufermauer erinnert an den Ausgang des linken Mühlgangs am Kaiser-Franz-Josef-Kai.

Herrenhaus der ehemaligen Grazer Hauptmühle

Dieses barocke Herrenhaus samt Einfahrtstor aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erinnert an den aufgelassenen linken Mühlgang – und auch an die Wirtschaftsgeschichte früherer Jahrhunderte: Bereits seit dem 14. Jahrhundert soll an dieser Stelle eine Mühle gestanden haben. Aus dem 17. Jahrhundert ist überliefert, dass ein gewisser Sebastian Haubt eine existierende Mühle erworben hat, die erst „Haubtmühle“ und später „Hauptmühle“ hieß. 1765 bis 1900 war die Anlage im Besitz des „Älteren-Bäcker-Mühl-Consortiums“, bis 1980 gab es hier schließlich eine Lederfabrik.

Franz-Carl-Brücke

Wo heute die Erzherzog-Johann-Brücke über die Mur führt, die auch als „Hauptbrücke“ bekannt ist, wurde 1890 die sogenannte Franz-Carl-Brücke erbaut. Diese stabile Eisenbrücke mit steinernem Mittelpfeiler war für den Verkehr, die Pferdetram und für Fußgänger/innen angelegt. Der lokalen Bevölkerung ist sie vor allem aufgrund ihrer dekorativen Ausgestaltung in Erinnerung geblieben. In den 1960er-Jahren wich sie einer schmucklosen Betonbrücke, die den Anforderungen des Autoverkehrs entspricht.

 

Zu den heute an unterschiedlichen Orten noch erhaltenen Elementen der Franz-Carl-Brücke zählen insgesamt vier aus Bronze gegossene Adler. Sie haben eine neue Heimat im Park des Grazer Metahof-Schlössls gefunden.

 

Die Mitte der Brücke wurde durch zwei Obelisken markiert, die von zwei Skulpturen gekrönt werden sollten. Im Zuge eines Wettbewerbs wurden „Styria“ und „Austria“ ausgewählt. Sie zierten die Brücke bis zu ihrem Abbruch, anschließend wurden sie im Depot aufbewahrt. Seit 1970 können sie im Stadtpark – nahe dem Brunnen – bestaunt werden.

 

Auch die Bronze-Schwäne sind Relikte der Franz-Carl-Brücke: Sie waren Teil der dekorativen Ausstattung und schmückten die beiden Obelisken. Einige von ihnen sind heute unter der Erzherzog-Johann-Brücke zu sehen.

Hochwassermarke aus 1827

An der Fassade des Hotels Mariahilf findet sich eine Markierung, die an das dramatische Grazer Hochwasser vom Juni 1827 erinnert. Sechs Meter hohe Wassermassen überfluteten Gebäude, Straßen und Plätze. Die damalige Murvorstadt stand unter Wasser, und auch Hauptplatz, Franziskanerplatz, Andreas-Hofer-Platz sowie Schmiedgasse und Raubergasse waren überflutet. Hochwassermarken erinnern heute vielerorts an die Ausmaße der historischen Fluten. Eingeschränkt ist ihre Aussagekraft dort, wo sich Orte durch Bebauung stark verändert haben.

Straßen und ihre Namen

Bis heute erinnern die Namen von Plätzen und Straßen an die Bedeutung der Mur für die Wirtschaftsgeschichte von Orten wie Bruck, Graz, Leoben, Frohnleiten, Knittelfeld, Zeltweg oder Bad Radkersburg. Immer wieder finden sich Namen wie Floß- und Fößerweg, Schiffergasse und Schifflände, Floßlendplatz oder Grieskai. „Lände“ oder „Lend“ rührt vom Anlegen („Anlenden“) der Flöße und Plätten her. „Gries“ verweist auf den feinkörnigen Flusssand, den man aus der Mur gefördert hat.

Römerbrücke in Adriach

Die sogenannte Römerbrücke in Adriach wird in die Römerzeit und in das zweite oder dritte Jahrhundert n. Chr. datiert. Sie war Teil jener Straße, die im Murtal von Flavia Solva in Richtung Norden.

Heute steht das Bauwerk mit einer Länge von 6,5 Metern auf dem Gemeindegebiet von Frohnleiten und im Trockenen. 1967 restauriert, steht die Brücke heute unter Denkmalschutz.

Baderhaus, Bruck an der Mur

Als es noch keine privaten Badezimmer gab, boten sogenannte Bade- oder Baderhäuser Möglichkeiten zur Körperreinigung, Wundversorgung, Bewirtung, Herberge und Unterhaltung. Die Geschichte des Baderhauses an der Schiffländ in Bruck kann bis in das Mittelalter zurückverfolgt werden. Aus dieser Zeit datieren Mauerreste, die später überbaut worden sind. Das Haus liegt direkt an der Mur am einstigen Flusshafen und war somit auch für Durchreisende gut erreichbar.

 

Der erste namentlich genannte Bader ist dort für 1423 belegt. Die Geschichte des Hauses ist im 17. und 18. Jahrhundert durchgehen dokumentiert. Der letzte bürgerliche „Chyrurgus“ Anton Stachel erwirbt und verkauft das Haus in den 1770ern. Danach wurde es unterschiedlich genutzt. Heute kann man im Baderhaus wieder essen, trinken und übernachten.

Der Schifferturm in Bruck

Bruck an der Mur wurde im 13. Jahrhundert befestigt. Ausgangspunkt der Ummauerung war der Schlossberg. Am westlichen Ende der Stadtmauer fand sich die Schiffslände als Anlegeplatz für Flöße und Plätten. Die dorthin führende Gasse erhielt den Namen Schiffgasse. Auch der Schifferturm war Teil der Stadtbefestigung.

Das Floßmeisterhaus in Bruck

Bruck an der Mur war im 15. und 16. Jahrhundert das Zentrum der Flößerei. Hier wurden die Flöße beladen, von hier aus traten sie ihre Reise in den Süden an. Das Floßmeisterhaus stammt im Kern aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und erinnert an dieses wichtige Kapitel der Stadtgeschichte.

Eine Kirche in Pischk

Die dem heiligen Nikolaus geweihte Kirche der Brucker Flößer- und Schiffmeisterzunft wurde nahe der Stadt in Pischk errichtet. Dieser Ort war mit Bedacht gewählt: Wer mit Floß oder Plätte flussabwärts kam, musste hier die Enge und gefährliche Strudel passieren.

 

Mit Blick auf die Kirche konnte hier der Schutzpatron Nikolaus um Hilfe gebeten werden. War der Fuß des Kirchhügels erreicht, wurde um eine gute Weiterfahrt in das steirische Unterland ersucht.

Begraben in Knittelfeld

Grabsteine sind eine gute Quelle, um die Sozialgeschichte eines Ortes besser kennenzulernen. So auch in Knittelfeld: In bzw. an der Außenseite der Friedhofskirche St. Johann im Felde finden sich gleich mehrere Grabsteine.

 

An der Südseite des Sakralbaus findet sich der Grabstein des Franz Joseph Huber (1739–1804): Er war nicht nur Floßmeister, sondern auch der letzte Stadtrichter. Die Darstellung auf seinem Grabstein ist ein Zeugnis für die Flößerei im 18. Jahrhundert.

Heiliger Christophorus in Judenburg

Die Magdalenenkirche in Judenburg gilt als Kostbarkeit der Gotik: Sie wurde im 14. Jahrhundert erbaut, und an ihrer Südseite, gegenüber der Floßlende, findet sich ein monumentales Christophorus-Fresko.

 

Der heilige Christophorus, ein frühchristlicher Märtyrer, lebte im dritten oder vierten Jahrhundert und zählt zu den sogenannten Nothelfern. Er wird häufig mit Stab dargestellt, das Jesuskind auf den Schultern über den Fluss tragend. An der Kirche ist er sowohl den Überquerenden der Murbrücke als auch den Flößern zugewandt, die einst gegenüber abgefahren sind.

Brückenportale aus Ehrenhausen

1739 wurde in Ehrenhausen eine gedeckte Holzbrücke über die Mur eröffnet, die bis 1901 in Verwendung stand. Beim Abtragen der Brücke entschied man sich, die beiden Portale der Brücke zu versetzen. Eines der Tore ist als Teil des Georgischlössls erhalten, das im 19. Jahrhundert entstand. Das zweite Portal findet sich an der Auffahrt zum Schloss Ehrenhausen.

Nepomuk und Nikolaus

An der Murbrücke bei Ehrenhausen stehen zwei Brückenheilige: Johannes von Nepomuk und Nikolaus von Smyrna sind überlebensgroß in Stein gehauen. Als Schutzpatrone der Schiffer verweisen sie auf die Geschichte der Flößerei und Schifffahrt.

 

An dieser Stelle wird in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erstmals eine Brücke erwähnt. Nach einem Eisstoß im späten 19. Jahrhundert musste die Brücke erneuert werden. Die heutige Eisen-Beton-Brücke stammt aus dem Jahr 1939.

Zollamt in Mureck

Zwischen Mureck und Obermureck wird im Jahr 1537 erstmals ein eine Brücke genannt. Die noch heute bestehende Eisenbrücke entstand im Jahr 1900 und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Grenzbrücke zwischen Österreich und Jugoslawien.

 

Auf österreichischer Seite wurde ein Grenzposten errichtet, Ende der 1920er-Jahre befand sich dort das Zollamt Mureck. Bis Mitte der 1990er-Jahre war Mureck eine Zollwachabteilung und danach ein eigenständiges Zollamt. Das Gebäude wurde zunächst adaptiert, bevor im Jahr 2000 ein neu errichtetes Amt eröffnet wurde.

 

Als im Dezember 2007 das Schengener Abkommen in Kraft trat, verlor auch das Zollamt seine Funktion. Wo früher Pässe kontrolliert wurden, wird heute Eis verkauft.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

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