Die Bauarbeiten zum "Aflenz Memorial" sind seit Anfang Juni im Gange.

Die Arbeiten am „Aflenz Memorial“ in Aflenz an der Sulm haben begonnen – und bereits Funde zutage gebracht

 

Wagna/Leibnitz, 16.07.2026

 

Vom KZ-Außenlager Aflenz an der Sulm (Bezirk Leibnitz), 1944 für die Rüstungsproduktion errichtet, sind heute keine sichtbaren Überreste mehr erhalten. Zeitweise waren dort über 900 KZ-Häftlinge interniert, mindestens 81 kamen durch Zwangsarbeit und Misshandlungen ums Leben. Mit dem begehbaren Aflenz Memorial von Milica Tomić soll diese verdrängte Geschichte wieder sichtbar werden: Die Bauarbeiten sind seit Anfang Juni im Gange, dabei kam nun ein bewegendes Zeugnis der Lagergeschichte zutage.

Das "Aflenz Memorial" besteht aus zwei zentralen Elementen: einem Wegesystem, das die ehemaligen Lagergrenzen im Gelände nachvollziehbar macht, und einer Bepflanzung, die den Boden als lebendiges Archiv der Geschichte begreifbar macht. Visualisierung © Milica Tomić, atelier le balto, studio boden, KiöR 2026

Auf Basis des künstlerischen Konzepts von Milica Tomić (* 1960) entsteht am Ort des Außenlagers des KZ Mauthausen in Wagna bei Leibnitz ein begehbares Landschaftsdenkmal, das Geschichte, Erinnerung und Gegenwart verbindet.

„Die zentrale Idee für das Aflenz Memorial ist, nichts zu rekonstruieren, sondern für die nicht mehr sichtbare Geschichte einen neuen Ort der Erinnerung zu definieren. Dieses Memorial ist als Ort der Auseinandersetzung, der Information, des Innehaltens angelegt. Auch die Pflege der Pflanzungen und die Ernte werden zu einem aktiven Erinnern“, so Gabriele Mackert, Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark.

 

Zentrales gestalterisches Element ist ein Wegesystem, das als materielle Spur die ehemalige Struktur des Lagers nachvollziehbar macht. Das Anlegen dieser Schotterwege und Plätze ist bereits in vollem Gange. Da von den ehemaligen Bauten auf dem Gelände des Konzentrationslagers heute keine sichtbaren Überreste mehr vorhanden sind, die auf die stattgefundenen Verbrechen hinweisen, sollen Wege entlang der ehemaligen Lagergrenzen die Dimensionen des Areals erfahrbar machen. Auch der frühere Appellplatz und eine Baracke werden im Gelände markiert und zugänglich gemacht. Die Schotterwege und Plätze sollen eine wassergebundene Decke bekommen und Ende Juli fertiggestellt werden.

Zentraler Bestandteil des "Aflenz Memorials" ist ein Wegsystem, das die Dimensionen des ehemaligen Außenlagers des KZ Mauthausen begreifbar macht. An diesem wird gerade gearbeitet. Andreas Boden und Andrea Lunter, studio boden, Historiker David Kurzweil, Franz Pilch, Gemeinde Wagna, Milica Tomic, Künstlerin, Gabriele Mackert, Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark, KiöR, Bernhard Schrettle, ASIST, v.l. Foto: UMJ

Historischer Fund: die Spur von Albin Gietka

Die Bauarbeiten, archäologisch begleitet von ASIST (Archäologisch Soziale Initiative Steiermark), förderten einen ersten Fund zutage: Am 2. Juli 2026 stießen die Arbeiter*innen am Areal des ehemaligen Appellplatzes auf eine Häftlingsmarke mit der Nummer 38882. Solche Marken trugen die Häftlinge auf der Kleidung aufgenäht oder am Hals, um sie eindeutig zu identifizieren und dennoch namenlos zu machen.

 

Die Nummer lässt sich dem ehemaligen Häftling Albin Gietka zuordnen. Er wurde am 18. April 1910 im polnischen Kurzyna geboren. Im Oktober 1943 wurde er ins Konzentrationslager Birkenau eingewiesen, im November desselben Jahres nach Mauthausen deportiert – dort erhielt er die Häftlingsnummer 38882. Am 12. Dezember 1943 kam Gietka ins Außenlager Wiener Neudorf, wo KZ-Häftlinge für die Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Am 21. Juli 1944 wurde er schließlich nach Aflenz gebracht, wo er in den unterirdischen Stollen Schwerstarbeit für die Rüstungsproduktion der Steyr-Daimler-Puch AG (SDPAG) leisten musste.

 

Historische Dokumente weisen Gietka als ausgebildeten Schmied aus – vermutlich der Grund, warum die Steyr-Daimler-Puch AG gerade ihn für die Arbeit in Aflenz anforderte. Sein Schicksal steht damit exemplarisch für eine Praxis, die ab 1943 System hatte: die gezielte Ausbeutung von KZ-Häftlingen als Zwangsarbeiter*innen für die Rüstungsindustrie. Die bislang gesichteten Archivunterlagen im Arolsen-Archiv deuten darauf hin, dass Albin Gietka seine Internierung in den verschiedenen Konzentrationslagern überlebte. Das Arolsen-Archiv ist das internationale Zentrum zur NS-Verfolgung mit dem weltweit umfangreichsten Bestand an Dokumenten zu Konzentrationslagern und Zwangsarbeit.

 

„Ein derartiger Fund 2026 ist angesichts der jahrzehntelangen landwirtschaftlichen Nutzung bemerkenswert. Er zeigt, wie viel Archäologie zur Erforschung der jüngsten Geschichte beitragen kann. Weitere Untersuchungen dazu sind in Kooperation mit der Universität Innsbruck geplant“, so Bernhard Schrettle, ASIST. Alle Funde sollen nach Abschluss der Arbeiten der Marktgemeinde Wagna zur Verfügung gestellt werden.

Häftlingsmarke mit der Nummer 38882, gefunden am 2. Juli 2026 am Areal des ehemaligen Appellplatzes in Aflenz an der Sulm. Die Nummer lässt sich dem Häftling Albin Gietka zuordnen, Foto: UMJ

Nach den Wegen folgt die Bepflanzung

Neben dem Wegsystem ist das zweite zentrale Element des Memorials die Bepflanzung, die Milica Tomić gemeinsam mit dem Grazer studio boden plant. Vorangegangene archäobotanische Untersuchungen der Erdproben brachten Samen von Pflanzen zutage, die historisch an diesem Ort gewachsen sind. Eine Auswahl davon wird nun wieder angesät – in einer mehrjährigen Fruchtfolge:

Den Anfang macht eine Zwischenfrucht, die im August 2026 gesät wird: Tiefwurzelnde Pflanzen wie Klee und andere Leguminosen lockern den Boden, binden Stickstoff, schützen vor Erosion und verbessern nachhaltig die Bodenstruktur. Sonnenblumen tragen zusätzlich zur Bodenverbesserung bei und bilden über den Winter eine Mulchschicht, die verrottet und so den Boden mit Nährstoffen anreichert.

 

Ab 2027 sollen dann jene Pflanzen im Memorial wachsen, die bei der Bodenanalyse nachgewiesen wurden: Senf, Himbeere, Brombeere, Holunder, Kiwi, Tabak und vereinzelte Exemplare des Schwarzen Holunders – sowie Mais. Dieser bleibt dauerhaft gepflanzt, als Erinnerung an die jahrzehntelange Überdeckung der Vergangenheit, während die saisonalen Pflanzen jährlich erneuert werden, wodurch die Erde lebendig und nährstoffreich bleibt. Im September folgen dann bereits neue Informationstafeln, welche die Geschichte des Ortes und des künstlerischen Konzepts vermitteln.

„Das Aflenz Memorial versteht Boden als Archiv und als aktiv Beteiligten, weil er Spuren der Vergangenheit bewahrt und an der Entstehung eines lebendigen Denkmals mitwirkt“, so die Künstlerin Milica Tomić. „Er bringt Keime und verborgene Geschichten an die Oberfläche und lässt sie zu einer Landschaft heranwachsen. So wird die Natur selbst zum Träger der Erinnerung und macht sichtbar, was sich im Boden eingeschrieben hat.“

 

Eröffnet wird das Aflenz Memorial am 18. Oktober 2026. Besucher*innen erwartet ab Oktober ein begehbares Landschaftsdenkmal mit fertigen Schotterwegen entlang der ehemaligen Lagergrenzen und bewachsenen Feldern. Für Gruppen werden zudem Führungen von geschulten Mauthausen-Guides angeboten, organisiert durch das Mauthausen Komitee Österreich. Individualbesucher*innen erschließt sich die Geschichte mithilfe der mehrsprachigen Informationstafeln mit QR-Codes und mit einem barrierefreien Audioguide.

                                                                                                                                  

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Aflenz Memorial von Milica Tomić 

Eröffnung: 18. Oktober 2026, 11 Uhr

Projektträger: LEADER-Projekt von ASIST (Archäologisch Soziale Initiative Steiermark) und KiöR (Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark)

Künstlerische Leitung: Milica Tomić

Landschaftsarchitektur: studio boden, Graz

 

www.kioer.at

 

Den ausführlichen Pressetext, Hintergrundinformationen zum KZ-Außenlager Aflenz an der Sulm sowie Bildmaterial finden Sie hier: AFLENZ MEMORIAL

 

 

Mit Unterstützung der Gemeinden Wagna und EhrenhausenHOLCIM (Österreich) GmbH, des Zukunftsfonds der Republik Österreich, des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

 

Das LEADER-Projekt wird mit Mitteln von Bund, Land und Europäischer Union unterstützt.

 

 

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