Emilia und Ilya Kabakov, 2014, Foto: UMJ/N. Lackner

3. Juni 2014 / Helmut Konrad

Vom Strömen und Tröpfeln – Kabakov-Ausstellungen in Graz und Paris

Gastbeiträge | Kunsthaus Graz

Am 9. Mai, also vor drei Wochen, konnte ich ein paar Tage in Paris verbringen, um mit einem Kollegen ein gemeinsames Projekt zu besprechen. In den Arbeitspausen gingen wir in Museen. Paris ist natürlich voll davon, und selbst die Pariserinnen und Pariser schaffen wohl nur einen kleinen Teil des Kulturangebots. Wir brachten immerhin vier Besuche unter, und von einem will ich erzählen.

Im Grand Palais war gerade die diesjährige Monumenta eröffnet worden. Seit einigen Jahren wird dafür das riesige Gebäude vollständig ausgeräumt, und ein einziger Künstler kann ein paar Wochen lang das gesamte Haus bespielen. 2007 hat man mit Anselm Kiefer begonnen, der ja mit seinen gewaltigen Bildern vom Grimming einen starken Steiermarkbezug hat.

Heuer wird die Monumenta von Ilya und Emilia Kabakov bestritten. Die Pariser Medien berichten begeistert von einem der größten kulturellen Erlebnisse der letzten Zeit, Ilya Kabakow wird als der bedeutendste lebende Künstler aus dem russischen Imperium beschrieben. Die Ausstellung ist auch tatsächlich gigantisch. Sie bildet eine Stadt ab, in der die Utopien gescheitert sind, in der nur der Einzelmensch manchmal, für einen Augenblick, zum Engel mutieren kann, um einer anderen Person zu Hilfe zu kommen. Die geordneten Zukunftsvisionen, seien sie politischer oder religiöser Art, sind nur in Resten vorhanden. Die russische Revolution ist im Bemühen gescheitert, den neuen Mensch zu schaffen, mit dem geradlinigen Glauben an den Fortschritt. Und die Religionen, helle und dunkle, bieten nur scheinbaren Halt in Kirchen, in denen die alten Bilder zu verschwimmen beginnen.

Mein Freund war, wie auch ich, tief beeindruckt. Noch beeindruckter war er aber, als ich ihm erzählte, dass im Kunsthaus in Graz eine Ausstellung läuft, die Ilya und Emilia Kabakow gewidmet ist. Leider ist sie schon zu Ende gegangen. Hier wurde vorerst der russische Avantgardist El Lissitzky aus der ersten Jahrhunderthälfte präsentiert, in seinem klaren Fortschrittsglauben und seiner damals bahnbrechenden Formensprache. Und die Kabakows bilden das Gegenprogramm: die Zweifel am Fortschritt, das Zerbrechen der Illusionen, die gefallenen Engel und die nicht realisierten Träume. Vieles, was in Paris zu sehen ist, wurde in der Grazer Ausstellung vorweggenommen, ja sogar leitmotorisch aufgegriffen.
Ohne Graz und ohne die Bekanntschaft mit Peter Pakesch wäre es Ilya Kabakow wohl kaum gelungen, in den achtziger Jahren in den Westen zu gelangen und mit seiner Frau diese Weltkarriere zu starten. Heute stehen sie ganz oben: wer eine Monumenta in Paris gestalten darf, ist im Olymp der Kunstwelt angekommen.

Was mich dabei erstaunt: in Paris bilden sich lange Schlangen, die Menschen warten im Regen und zahlen viel Eintritt, um die Kabakows sehen zu können. Bei meinen Besuchen im Kunsthaus teilt man sich die Ausstellung mit vielleicht einem Dutzend Menschen, die zeitgleich mit mir durch die Räume gehen. Das liegt ganz sicher nicht an der Qualität der Ausstellung. Wäre sie in Paris zu sehen, die Massen würden sie als den breiteren Erklärungsansatz zur Monumenta sehen wollen und stürmen. Hier bei uns ist der Andrang bescheiden.

Damit sind wir mitten in der Debatte um das Grazer Kunsthaus. Mit dem Anspruch des Kulturhauptstadtjahres, Graz in die vorderste Reihe der Kulturstädte Europas zu stellen, hat man die Latte ziemlich hoch gelegt. Ich habe wohl fast alle Ausstellungen gesehen, die in diesem guten Jahrzehnt im Kunsthaus gelaufen sind. Für den Großteil lässt sich sagen, dass sie tatsächlich die Spitze des internationalen Kunstbetriebs für uns in Graz sichtbar gemacht haben. Aber das Publikum, das wirkliches Interesse für das Zeitgenössische hat, ist hier nicht allzu groß. Selbst in Paris waren die Schlangen vor der Van Gogh-Ausstellung, die seit Monaten läuft, noch deutlich länger als jene von den Kabakows im Grand Palais. Aber Paris hat eben die heimischen Kulturinteressierten und Millionen von Kulturtouristen, die in die Stadt kommen. Graz ist eben nicht Paris.

Dennoch: Will Graz international wahrgenommen werden, ist das Bemühen, in dieser Stadt tatsächlich den Stand der Kunstentwicklung weltweit zu präsentieren, unverzichtbar. Dazu braucht man Kenntnisse und Netzwerke. Die Kabakows gehen sicher nicht in eine Stadt vergleichbarer Größe, wenn nicht ein Beziehungsgeflecht sie dazu bewegt. Ausstellungen einfach zu kaufen, die fünfte oder sechste Auflage irgendeiner angeblichen Blockbustershow hier zu haben, ist einerseits teurer, anderseits für die internationale Wahrnehmung bedeutungslos. Graz soll vielmehr Ausgangspunkt sein, wie für die Kabakows, wie für die leider verstorbene Maria Lassnig, wie für Günter Brus und viele andere. Aus meiner Sicht wird dieser kulturpolitische Auftrag in der derzeitigen Konstruktion rund um das Kunsthaus gut erfüllt. Der Schritt auf die Öffentlichkeit zu könnte manchmal größer sein, das Erklären der Bedeutung etwa nachdrücklicher. Hätten die Grazer realisiert, dass sie einen Vorsprung vor der Monumenta haben, sie hätten wohl die Kabakow-Ausstellung gestürmt. An einer Transmission in die Öffentlichkeit hinein kann also durchaus noch stärker gearbeitet werden.

Immer, wenn ich von Auslandsreisen zurückkomme, bin ich stolz auf das, was hier vor Ort geschieht. Man muss sich keinesfalls verstecken, man wird wahrgenommen und hat vielleicht sogar einen stärkeren Eindruck in der internationalen Szene hinterlassen, als man das zu Hause wahrnimmt. Daher ist es mir ein Anliegen, dass nicht leichtfertig Errungenschaften über Bord geworfen werden. Das bedeutet nicht, dass nicht diskutiert, ja gestritten werden soll. Zeitgenössische Kunst braucht diesen Streit, braucht die Empörung. Gleichgültigkeit ist jedenfalls schlechter.

Also, gehen Sie in die Museen und Ausstellungen, diskutieren Sie darüber, bringen Sie sich ein. Aber tun Sie das bitte in Achtung vor den Leistungen, die die Künstlerinnen und Künstler, aber auch die jeweiligen Intendanten oder Kuratoren erbracht haben.

Aus der Sendereihe “Gedanken zur Zeit” in Radio Steiermark von 01.06.2014.

Kategorie: Gastbeiträge | Kunsthaus Graz
Schlagworte: El Lissitzky – Ilya und Emilia Kabakov | Kunsthausdebatte


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