"Jochen Gerz. 63 Jahre danach"; Graz, Karmeliterplatz, Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark/colourspace

17. Juli 2014 / Hofrat Dr. Wolfgang Muchitsch

Stellungnahme zum Aus von “63 Jahre danach” von Jochen Gerz

Kulturpolitik

Die Sozialistische Jugend Steiermark und die Jungen Grünen Graz haben eine Petition zur Wiederaufstellung der Grazer NS-Gedenktafeln von Jochen Gerz ins Leben gerufen. Bitte unterschreiben und teilen!


Mit dem Werk 63 Jahre danach von Jochen Gerz ist es in einzigartiger Weise gelungen, zur Aufarbeitung einer schwierigen Zeit unter einem verbrecherischen Regime wichtige Aspekte beizutragen. Dieses Werk ist ein gelungenes Beispiel wie Kunst im öffentlichen Raum zur Gedenkkultur werden kann. Vielfältige und engagiert geführte Diskussionen der letzten Jahre zeigen das.

Von Seiten des Universalmuseums Joanneum sind wir erschüttert, dass es nicht möglich sein soll, diese in ihrer Offenheit so bedeutsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die uns noch bis heute belastet, bis auf weiteres der Öffentlichkeit zu ermöglichen. Ein Abbau, der bürokratischen Auflagen Genüge tut, ist aus künstlerischer Sicht und aus einem Verständnis zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit abzulehnen, da er Prozesse unterbricht, derentwegen wir uns für Kunst im öffentlichen Raum und der Gesellschaft als Ganzes engagieren. In der Kunst soll es möglich sein, über formale Entscheidungen hinweg, inhaltlichen Notwendigkeiten zu folgen und solchen Auseinandersetzungen ihren Raum und ihre Zeit zu geben.

Zahlreiche Kulturtouristen reisten eigens nach Graz, um das einprägsame, von Jochen Gerz unter Einbeziehung der Öffentlichkeit gestaltete Denkmal 63 Jahre danach zu besuchen. Anlass war das Jahr 2008 als wichtiges Gedenkjahr im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus in Österreich. Auf Initiative des Landes Steiermark wurde in Bezug darauf vom Institut für Kunst im öffentlichen Raum das Projekt 63 Jahre danach des international renommierten und berühmt für sein Neudenken des Denkmalbegriffs, Jochen Gerz, neben anderen Standorten in der Steiermark mit zehn Tafeln in Graz umgesetzt. Freiheitsplatz, Burg, Schlossbergplatz, Am Eisernen Tor/Herrengase, Bischofsplatz, Augarten, Geidorfplatz, Karmeliterplatz, Am Eisernen Tor/Opernring und Hauptbahnhof waren jene Plätze, an denen ortsspezifisch Tafeln mit der Bearbeitung von Nazigräueltaten installiert werden konnten.

Vom Künstler als permanente Arbeit konzipiert konnte eine Aufstellungsbewilligung für das 2010 umgesetzte Werk vorerst bis 2012, in weiterer Folge nur mehr einjährig bis zu einer schlussendlichen Bewilligung bis Ende Juni erreicht werden. Alle unsere Bemühungen auf verschiedensten Ebenen um den Erhalt dieser Arbeit für die Öffentlichkeit wenigstens für 10 Jahre bis Ende 2018 sind letztendlich gescheitert. Mit heutigem Einlangen eines RSb-Briefes im Institut für Kunst im öffentlichen Raum ist klar, dass die Arbeit entfernt werden muss. Es wäre der Stadt Graz als „Stadt der Volkserhebung“, aber auch als stolz sich selbst den Namen „Menschenrechtsstadt“ und „Kulturhauptstadt“ nennende Gebietskörperschaft gut angestanden, dieses Werk bestehen zu lassen.

Nicht nur, um ein entsprechendes Demokratieverständnis zu zeigen, nicht nur eingedenk einer Katastrophe, die nie mehr stattfinden darf, sondern auch im Hinblick auf gegenwärtige Strömungen, die Nonkonformität als Gefahr sehen und damit in Hinblick auf eine Sensibilisierung auf zukünftige Strömungen haben wir dies als unabdingbar erachtet. Denn nicht Eine/r alleine ist es, der jeder Menschlichkeit widersprechende Katastrophen auslösen kann, den Boden dafür bildet eine Summe von Menschen, die diese zulässt und sich nicht wach und rechtzeitig dagegen äußert.

Wir sind bestürzt über die gewählte Vorgangsweise und die Geringschätzung eines internationalen Künstlers und dessen Werk, unserer eigenen Geschichtsbewältigung und damit unserer eigenen Zukunft gegenüber.

Peter Pakesch, Joanneums-Intendant (bis September 2015)
Wolfgang Muchitsch, Joanneums-Direktor
Elisabeth Fiedler, Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark

Kategorie: Kulturpolitik
Schlagworte: Gastbeitrag


Ein Gedanke zu “Stellungnahme zum Aus von “63 Jahre danach” von Jochen Gerz

  1. Günter Eichberger

    Nun gibt es bekanntlich Menschen, sagte ich bei der Präsentation von „Nein“, die es als Meinungsfreiheit ansehen, wenn jemand die Existenz von Vernichtungslagern leugnet. Von rechts – Michael Fleischhacker – bis links – Christian Fleck – wird es als Ausdruck höchster Liberalität angesehen, das österreichische Wiederbetätigungsgesetz endlich abzuschaffen. Mit Meinungsfreiheit scheint es mir absolut nichts zu tun zu haben, wenn jemand ein objektiv belegbares Geschehen als ungeschehen bezeichnet. Im Prozeß gegen den steirischen Neonazi Franz Radel wurden von Zeitgeschichtlern Rechnungen vorgelegt, die den Erwerb ausreichender Mengen von Zyklon B belegen; ebenfalls Rechnungen über die Anfertigung der erforderlichen Metalltüren.
    Noam Chomsky hat vor Jahren ein Vorwort zu den revisionistischen Aus-lassungen eines Ausschwitzleugners verfaßt. Chomsky hat darin ausdrücklich betont, daß jener Herr das Recht habe, alles zu sagen, was er eben sagen zu müssen glaube. Man könne es ja widerlegen.

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