Photo Montage "Damascus" Tammam Azzam, 2018

18. Dezember 2018 / Katrin Bucher Trantow

Mobilizing Futures – Tagungsreport

Kunsthaus Graz

Das Imaginäre, transportiert über das Bild und die Medien, ist allgegenwärtig. Dass damit bewusst Einfluss auf politische Entscheidungen und kulturelle Phänomene genommen wird, ist Allgemeinwissen geworden. Dass imaginierte Zukunft auch aus der Vergangenheit unsere mobilisierte Gegenwart prägt und für eine Krise rund um den Begriff „Europa“ mit zuständig ist, skizzierte der prominente Globalisierungstheoretiker Arjun Appadurai am 15.11.2018 im Kunsthaus Graz.

In einem beeindruckenden Vortrag spannte er einen weiten Bogen über den wechselhaften Kolonialismus der letzten Jahrhunderte und bezeichnete darin dessen „Exporte“ von unterschiedlichen rivalisierenden nationalen Konzepten als Grundprobleme einer polarisierten Gegenwart. Er sprach über den tiefgreifenden Einfluss der Aufklärung und deren sprachliche und imaginative Prägungen geopolitischer Fakten von heute.

Aus Appadurai:

Aus Appadurai: Democracy in Crisis

Aus Appadurai: Argument

Appadurai schloss seinen Vortrag mit dem Fazit des Scheiterns eines Denkens in Nationalstaaten und forderte in einem eindringlichen Appell dazu auf, neue Imaginationen zu schaffen und Experimente jenseits des Nationalstaatendenkens zu wagen.

 

Aus Appadurai: Summary

 

Anschließend knüpften weitere Beiträge thematisch daran an, etwa Johanna Rolshovens Vortrag, der den bröckelnden Begriff der Hoffnung im Zusammenhang mit Europa beleuchtete und an ihm einen zentrales Momentum für ein mögliches Gelingen der europäischen Imagination festmachte.

Imagination und Verlangen

Zur Veranstaltung geladen hatte das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Graz in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz und der dgv-Kommission Mobilitäten_Regime. Der Vortrag bildete den Auftakt einer drei Tage dauernden Tagung zum Einfluss von Imagination und Verlangen auf eine zu beobachtende Veränderung einer mobilisierten Gegenwart und Zukunft.

Appadurai, der der Imagination eine gesellschaftsverändernde Macht zuschreibt, definiert sie als eine gesellschaftliche Praxis, die zu einem Schlüsselelement einer neuen globalen Ordnung geworden ist.

Bilder in Medien beeinflussen Migration

Digitale Medien, Filme, Nachrichten, Zeitungen, Bücher usw. vermitteln Bilder möglicher Lebensentwürfe und beeinflussen Migration und Tourismus in besonderer Weise. Dass das Imaginäre nicht nur im täglichen Zusammenleben, sondern auch in Zugängen und Möglichkeiten von globaler Mobilität Teil von unbewussten Logiken und Regulativen ist, wurde etwa im Vortrag von Miriam Gutekunst beleuchtet, die über Immigrationsentscheidungen, welche auf der Basis einer vom Kino geprägten, romantischen Definition von Liebe gefällt werden, berichtete. Auch im Beitrag von Jens Adam wurde deutlich, inwieweit mediatisierte Bilder einer „Norm“ auch urbanistische Entscheidungen der letzten Jahrzehnte beeinflussen konnten. Am Beispiel von Lviv/Lemberg zeichnete er etwa nach, wie ideologische Zugehörigkeit und politische Vorstellungen von Kultur urbane Mobilitätsbemühungen kennzeichnen und beeinflussen.

Geschichte-Küchen

Mit dem Projekt Geschichte-Küche der Künstlerinnen Maryam Mohammadi, Kate Howlett-Jones und Evi Papanagiotou wurden persönliche Geschichten von globalen Wanderbewegungen über das importierte Wissen und die Rezepte von Migrantinnen kulinarisch erlebbar: Ein Fest.

Das Podium zum Abschluss

Den Abschluss der facettenreichen Tagung machte ein Podium, das sich auf die Rolle von Kulturinstitutionen und Initiativen bezog und praktische Beispiele experimenteller Praktiken der Analyse und Neuschaffung von Imaginationen darlegte. Es wurden darin kulturell mehrstimmige Experimente wie die Ausstellung Congo Stars oder das Theaterprojekt Die Revolution frisst ihre Kinder ebenso besprochen, wie die Frage nach dem realen Gewicht und politischen Einfluss von Kulturprojekten gestellt wurde, die durchaus auch Gefahr laufen können, (kultur)politisches Gewissen reinzuwaschen.

Zum Nachhören:

Mit Arjun Appadurai, Barbara Steiner (Kunsthaus Graz), Martin Baasch (Schauspielhaus Graz), Godswill Eyawo (MigrantInnenbeirat der Stadt Graz), Johanna Rolshoven (Universität Graz), Moderation: Katrin Bucher Trantow

 

 

 

Erfahren Sie mehr über die Tagung:

Mobilized Futures Conference

Kategorie: Kunsthaus Graz
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