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Cornelia Klinger: Vom postmodernen Verschwinden der Ungleichheit Cornelia Klinger: Vom postmodernen Verschwinden der Ungleichheit

Science Talk 12, Salon

  • 01.03.2007, 19:30 Uhr

 

Vom postmodernen Lebensgefühl her ist in den vergangenen 25 Jahren vieles besser geworden; speziell in Sachen Ungleichheit: Frauen können in Wirtschaft und Politik Karriere machen, Ehen zwischen hellhäutigen MitteleuropäerInnen und dunkelhäutigen AfrikanerInnen sind nicht länger tabuisiert. Und über Klassenunterschiede wird ohnedies nicht mehr geredet. Allerdings ist das tatsächlich nur so etwas wie ein Eindruck – die Realität sieht in der Regel anders aus. In ihr sind etwa die Klassen- und Rassenschranken nur allzu oft unüberwindbar hoch, von der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt erst gar nicht zu reden. Warum dann aber dieses Gefühl, dass wir in einer anderen, "gleicheren" Welt leben? Für Cornelia Klinger hat das etwas mit der Moderne und ihren strukturellen Entwicklungen zu tun: Weil zur Moderne die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft und damit das Entstehen verschiedenster Subsysteme wie Politik oder Wirtschaft gehört, kommt es zu einer – zumindest angedeuteten – Dominanz des Phänomens System über das Subjekt.

Prof. Dr. Cornelia Klinger

Im Zuge dieses Bedeutungsgewinns von Systemen kommt es aber auch zu einer Versachlichung von Macht, was wiederum zur Folge hat, dass das klassische "Herrschaftssubjekt" – der böse Kapitalist – zu verschwinden beginnt. Eine Herrschaft ohne Herrscher wird etabliert – mit dem Effekt, dass damit das Bedürfnis, Herrschaft zu legitimieren oder zu erklären, endet. Und das hat zur Folge, dass auch Ungleichheit – politische wie andere – nicht mehr erklärt werden muss. Die etablierten Ungleichheiten können so weiter wirken und sogar zunehmen, ohne dass sie subjektiv begriffen und erfahren würden. Was das postmoderne Lebensgefühl trefflich illustriert. Diese eigenartige Entwicklung gilt es deshalb bewusst zu machen, wofür eine Dekonstruktion von Begriffen wie Rasse, Klasse oder Geschlecht jedoch nicht ausreicht. Was stattdessen anstehen könnte, wird in ScienceTalk Nr.12 diskutiert.

Cornelia Klinger:


Cornelia Klinger, Prof. Dr. phil. habil. Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Köln. Seit 1983 Lehraufträge und Gastprofessuren an europäischen Universitäten. Seit 2003 Professur für Philosophie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seit 1983 ständiges wissenschaftliches Mitglied am Wiener "Institut für die Wissenschaften vom Menschen", wo sie derzeit das EU-weite Projekt "Sources of Inequality" leitet. Arbeitsschwerpunkte: Politische Philosophie, Gender Studies im Bereich Philosophie, Ästhetik, Theoriegeschichte der Moderne. Publikationen (u.a.): Die Erfindung des Subjekts, Frankfurt: suhrkamp 2007; Das Jahrhundert der Avantgarden, Cornelia Klinger / Wolfgang Müller-Funk (Hg.), München: Fink 2004; Continental Philosophy in Feminist Perspective: Re-Reading the Canon in German, Herta Nagl-Docekal / Cornelia Klinger (eds.), University Park: Penn State University Press 2000.


  • Terminart: Lernen & Wissen Vortrag |
  • Terminbereich: Kultur |
  • Kategorien: Veranstaltung