Christian Fleck: Die weinerliche Konstruktion der Ungleichheit in Österreich
Science Talk 11, Salon
- 18.01.2007, 19:30 Uhr
Nur wo es ein öffentliches Reden über Ungleichheit gibt, wird diese auch zum (wahrgenommenen) sozialen Tatbestand. Allerdings kann dieses Reden die unterschiedlichsten Gesichter haben: In Österreich, so der Soziologe Christian Fleck, wird das Thema Ungleichheit ungemein weinerlich behandelt; konkret in Form eines großen Klagelieds. Letzteres dient nun allerdings nicht dazu, die Armut abzuschaffen, im Gegenteil: Die Klage hat vielmehr den Sinn, einen Hintergrund aufzuspannen, vor dem man sich als Wohlhabender durch Wort- und Geldspenden hervortun kann. Im Idealfall erweist man sich so als guter Christ – und mithin als das, was in diesem Land offensichtlich noch immer viel zählt. Selbst für all jene, die sich scheinbar schon weit vom christlichen Gedankengut entfernt haben.
Das bedeutet aber nichts anderes, als dass es eigentlich keinen "echten" Ungleichheits-Diskurs in einem sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Sinne gibt. Vielmehr wird moralisiert, was u.a. auch zur Folge hat, dass sich tendenziell immer die Falschen arm fühlen. Beispielsweise Studenten oder auch Intellektuelle, deren Verarmung jedoch bestenfalls darin besteht, dass ihnen statt einer Beamtenexistenz zunehmend eine unternehmerische zugemutet wird.
Die bisher geführte Diskussion über Ungleichheit hat aber auch noch eine andere Konsequenz: Sie führt dazu, dass die vielleicht wichtigste Frage zum Thema Ungleichheit erst gar nicht gestellt wird. Nämlich die, wieviel Ungleichheit unsere Gesellschaft braucht.
Christian Fleck:
Christian Fleck, ao.Univ.Prof., Institut für Soziologie, Universität Graz. Geb. 1954. 1987–2005 Leiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ), Graz, 1998–2002 Secretary und 2002–06 Vice President of Research Committee 08 History of Sociology, International Sociological Association (ISA), 2004–06 Koordinator des FP6 Projekts ANOVASOFIE (Analyzing and Overcoming the Sociological Fragmentation in Europe), 2005–07 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie (ÖGS). Seit 1994 Herausgeber der Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten. Bücher (u.a.): Koralmpartisanen. Über abweichende Karrieren politisch motivierter Widerstandskämpfer (1986); Wege zur Soziologie nach 1945 (1996); Paul M. Neurath, Gesellschaft des Terrors (2004, Mit-Herausgeber; engl. Ausgabe: 2005); Transatlantische Bereicherungen. Zur Erfindung empirischer Sozialforschung (2007).
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