Morgen des Gehirns. Mittag des Mundes. Abend der Sprache
Schriften 1984-1988
Günter Brus, Morgen des Gehirns. Mittag des Mundes. Abend der Sprache, 1993, Verlag das Hohe Gebrechen, Hohengebraching, 1057 Seiten, Format 240 x175, Hardcover, ISBN: 3-9301112-08-6.
Leseprobe:
Dichtung
Sie ist, wenn jemand beschlossen, die Pforten der Literatur nicht zu durchschreiten.
Sie ist, wenn der DICHTER ein SPRACHLEIB ist und sein BUCHRÜCKGRAT wundwetzt am Dasein der Welt und der Plauderer.
Tafelrunde
Der Tisch ist gedeckt,
es nähern sich die Speisen.
Die Gäste nehmen Platz
und verhungern.
Der Zug der Speisenträger tat entgleisen.
Wiegenlied
Wache, wache mein
Wiegenkind.
Die Mutter hockt am Dache,
der Vater beschläft ein
Nutzviehrind.
Wache, mein Knäblein, wache.
Die Mutter klettert vom Dache,
der Vater läßt nicht ab von
der Sache.
Wache, wache mein
Schaukelkind.
Die Mutter übt nun fürchterlich
Rache
und zerfleischt Dich, den
Vater und das Nutzviehrind
bis zur blutenden Lache.
Über das Altern
Historisch betrachtet, ist jede Geburt nur eine Todesfolge.
Aber der Schimmel galoppiert vor seinem Weiß davon.
Älter wird man, weil man dazu erzogen wurde.
Adam war älter als Eva, darum machte letztere Geschichte.
Der Tod an sich ist nur eine Folge des Denkens.
Mentale Selbstbeseitigung
Ich erinnere mich,
aber meine Gedanken erinnern
sich nicht an mich.
Wahrscheinlich bin ich mitsamt
meinen Erinnerungen
nur ein Rückschlag
eines unwahrgenommenen
Echos.
Ein Kugelhall im Innern eines
mir zubefohlenen Sternes.
Ein Dauerton, der sich Ohren
wir Dornen hält.
Ein Rosengrenadier
im eigenen Schlachtrevier.
Wenn ich kurz mein Denken aus dem Leib wische,
dann bin ich froh ob des verbliebenen Nebels.






