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Schatz; Schatzhaus

I

Den Unsterblichen weihte man Zeug als Tempelgüter, den Toten die die Sterblichkeit hinter sich hatten, gab man Zeug als Grabbeilage mit: Nahrung und Kleider, Geräte, Waffen und Tauschmittel Dinge die irgendwie am Vermögen des Schatzes teilnehmen und durch diese Teilnahme ein fernes oder heimgegangenes Begehren wieder erwecken sollen, nicht aber die Not eines Bedürfnisses befriedigen. Mehr noch erfüllten diesen Zweck solche Kleinodien, die jenseits jedes Nutzens nur ausgestellt werden, exponiert nicht um durch den Blick auf sie ein Verlangen, sondern um ein Begehren des Erblickens selbst zu wecken: das Begehren nach dem Unsichtbaren. Das ursprüngliche Schatzhaus ist ein Geisterhaus, das man aufspaltete in das Gotteshaus und in das Totenhaus mit ihren Schatzkammern ,Thesaurus und Grab' zwei Orte, die jenseits vom Leben zum Tode vor den Schicksalen der Sterblichen und ihrer Gier zu sichern waren. Zunächst durch das Tabu, Tempelschätze durch eine Privatisierung der Öffentlichkeit zu entziehen, und durch das Tabu, die verborgenen Totenschätze durch Ausgrabung ans Licht zu bringen und zu enthüllen. Auf diese Weise verteilten Tempel und Grab die unentscheidbar zwiespältige Wahrheit des Schatzes auf zwei entgegengesetzte Stätten, indem man ihren imaginären Ort jenseits der Sterblichen aufspaltete: auf den offenen Schauplatz der Offenbarung und auf das verschlossene, verschwiegene Gebiet der Mysterien. Zwischen diesen Stätten zirkulieren die unheimlichen Dämonen des Schatzes.

Hans-Dieter Bahr

II

Gold ist ein wunderbares Ding! Wer dasselbe besitzt, ist Herr von allem, was er wünscht. Durch Gold kann man sogar Seelen in das Paradies gelangen lassen. (Columbus, im Brief aus Jamaica, 1503.) (…) Der Trieb der Schatzbildung ist von Natur maßlos. Qualitativ oder seiner Form nach ist das Geld schrankenlos, d.h. allgemeiner Repräsentant des stofflichen Reichtums, weil in jede Ware unmittelbar umsetzbar. Aber zugleich ist jede wirkliche Geldsumme quantitativ beschränkt, daher auch nur Kaufmittel von beschränkter Wirkung. Dieser Widerspruch zwischen der quantitativen Schranke und der qualitativen Schrankenlosigkeit des Geldes treibt den Schatzbildner stets zurück zur Sisyphusarbeit der Akkumulation. Es geht ihm wie dem Welteroberer, der mit jedem neuen Land nur eine neue Grenze erobert.
Um das Gold als Geld festzuhalten und daher als Element der Schatzbildung, muß es verhindert werden zu zirkulieren oder als Kaufmittel sich in Genußmittel aufzulösen. Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung. Andrerseits kann er der Zirkulation nur in Geld entziehn, was er ihr in Ware gibt. Je mehr er produziert, desto mehr kann er verkaufen. Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Geiz bilden daher seine Kardinaltugenden, viel verkaufen, wenig kaufen, die Summe seiner politischen Ökonomie.

Karl Marx, Das Kapital

III

Die Geschichte lehrt also, daß zwei Motive für die Sammlung von Kunstwerken zusammenlaufen. Die Frömmigkeit und die Begehrlichkeit. Die Frömmigkeit leitete den Respekt und den Kult für alle im Tempel eingeschlossenen Objekte ein, dieser heilige Einschluß, wovon das heutige Museum etwas bewahrt hat, das Valéry schon zu Beginn dieses Jahrhunderts beklagt hat. Auf der anderen Seite meint die dem Schatz verbundene Idee eher durch die Bedeutung der Beute und des Gefallen (Geschmack für) den Privatbesitz inspiriert worden zu sein, als durch religiöse Überlegung. Der Tempel und seine unauflösliche Heiligkeit riefen die Enteignung hervor, eine Enteignung, die das moderne Museum auf eine ganz laizistische Weise wieder in Erinnerung bringen wird, denn was in das Museum Eingang findet, verläßt definitiv den ökonomischen Kreislauf, um unveräußerlich zu werden. Nun, der Ursprung der Schatzbildung geht folglich auf die Aneignung zurück.

Deloche Bernard: Museologica. Macon 1989

siehe auch Tempel Thesaurus