Reliquie

Relikte von Andreas Hofer im Museum Ferdinandeum Innsbruck
Die Reliquie scheint mir eine der vielen Techniken zu sein, die die Möglichkeit schaffen, danach noch an etwas von davor, von früher zu denken. Die Reliquie ist Moment einer Technik des Gedächtnisses. Reliquienähnliche Gegenstände gehören zum Inventar einer Institution, die für sich in Anspruch nimmt, ein Teil der Gedächtnisskultur, ein begehbares überindividuelles Gedächtnis zu sein. Reliquienähnliche Gegenstände sind Bestandteil des Museums.
Das Museum ist eine säkularisierte Form der Reliquiensammlung. Der Mangel an Glaubwürdigkeit scheint durch die prinzipielle, wenn auch nicht immer durchgeführte Berührbarkeit wettgemacht. Prinzipielle Berührbarkeit schafft Glaubwürdigkeit. Je mehr prinzipiell zu berühren ist, um so besser. Dies setzt den Aufbau von Sammlungen in Gang. Berührung scheint so etwas wie einen Zeittunnel zu eröffnen. Die zwischen dem Moment der Berührung in der Gegenwart und dem angezielten Früheren verflossene Zeit, die Distanz scheint für einen Moment aufgehoben, für den Moment der kurzen flüchtigen Berührung. Ein kleiner Kurzschluß wird erzeugt. Berührung sichert das Existenzgefühl. Zeit und Raum fallen in Eins.
In der Dynamik der notwendigen Auswahl, des Verlassens von Lebensabschnitten, der Trennung von Menschen wird die Reliquie zu einem wichtigen Vehikel. Die Reliquie, das, was zurückbleibt, übernimmt die Funktion einer Repräsentation, einer Wieder-Gegenwärtig-"Machung", ein Sprung durch die ablaufende Zeit und das Setzen eines Teiles für einen größeren Zusammenhang, für ein Ganzes. Damit werden den Toten wie dem eigenen vergangenen Leben, als "Wohnsitz einige armselige Reste" zugewiesen. (Fédida, Pierre. "Die Reliquie und die Trauerarbeit." In: Pontalis. Objekte des Fetischismus. Frankfurt: Suhrkamp, 1972. 372.) "Die Toten töten", sagt Freud. "Die Reliquie verwirklicht den illusorischen Kompromiß, dessen der Mensch sich bedient, um der Todesangst widerstehen zu können, so daß es ihm niemals gelingt, die Vorstellung vom Tod mit der - Schicksal gewordenen - Notwendigkeit eines Nicht-mehr in Einklang zu bringen" (Fédida, Pierre, ebenda).
Karl-Josef Pazzini


