Museum, Etymologie
'Museum' ist die latinisierte Form des griechischen Wortes museion, das den Ort der Anwesenheit der Musen bezeichnet, namentlich einen Platz in der freien Natur, auf dem sie in Tanz und Gesang Götter-, Helden- und Menschengeschichten erzählen, also als Tochter der Mnemosyne und des Zeus, eine kollektive Erinnerungs-, aber auch Deutungs- und Weissagungsinstanz sind.
Was das Wort Muse bedeutet, ist nicht sicher. Eine Vermutung ist: die Sinnende. Auch ihre Zahl ist lange Zeit unbestimmt, die Festlegung auf die Neunzahl und die feste Zuordnung zu bestimmten 'Künsten' eine späte.
Architekturen (Tempel) werden ihnen selten errichtet, die Vorstellung einer Sammlung von Gegenständen, wie sie für unser Verständnis vom Museum unverzichtbar erscheint, ist dem museion ganz fremd.
Im Gegenteil: das Erinnerungsmedium sind die Musen selbst. Mit der Erfindung der Schrift entsteht eine konkurrierende und in mancherlei Hinsicht überlegenes (Dauer; Vereindeutigung; Reproduzierbarkeit etc.) 'Aufzeichnungsmedium'. Das museion überdauert als Kultplatz inmitten der Akademien, die es als Ort des erinnernden Wissens ablösen.
Wo museion als Bezeichnung für eine Akademie überdauert, wie bei der späthellenistischen in Alexandria, läßt sich Sammlungs- und Museumsgeschichtsschreibung anknüpfen. Indes war das alexandrinische museion mit Sicherheit nichts, was nur im Entferntesten mit unserer aktuellen Erwartung an Museen zu tun hatte. Gerade weil das Wissen - bis heute - über diese Akademie so gering ist, war sie geignet, die Fantasie zu beflügeln: Seit dem 17. Jahrhundert gilt das 'Museum' in Alexandria als Modell einer Künste und Wissenschaften verbunden haltende und sich gegen deren Trennung arbeitende Institution.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kommt es, zuerst in Italien, zu einer Wiederentdeckung der Musen und des Musenkultes und damit des museion. Ein Museum kann zu dieser Zeit einen Ort, z.B. eine Villa, bezeichnen, an dem 'die Musen anwesend sind', und die Gelehrsamkeit beschützen oder den Eigentümer als - meist - Mann der Wissenschaft auszeichnen. Ein solches Museum kann, aber muß nicht notwendig ein Ort einer Sammlung von Dingen sein.
Bevor man vorschnell Kausalitäten zwischen diesem zeitlich fernen 'Museen' und dem heutigen herstellt, sollte man sich vor Augen halten, daß vom 16. bis zum 18.Jahrhundert 'Museum' ein Wort mit vielen und anderen als hier erörterten Bedeutungen ist, und daß umgekehrt für Sammlungs- und Ausstellungsorte viele andere Worte existieren. Anders gesagt, daß es eine Geschichte des Wortes und eine Geschichte der Institution gibt, die keineswegs parallel verlaufen.
Bis in die Französische Revolution, deren Gründungen die uns geläufige idee des modernen Museums begründen, hält sich die Idee einer universalen, Künste und Wissenschaften, Sammlung, Forschung und Ausstellung, Lehre und Bildung vermittelnder Instititution.
Zwar ist diese Idee in der Geschichte des Museums der Moderne immer wieder virulent, aber ab 1793, mit der Gründung der großen Museen, kommt es zur folgenreichen 'Aufteilung' der Wissens- und Gegenstandsbereiche: Kunst, im Musée du Louvre, Natur, im Museum (sic!) d' Histoire naturelle, Technik im Musée des Arts et Mètiers, Skulptur - und in gewisser Weise auch schon Geschichte) im (kurzlebigen) Musée des Monuments Francais.
Noch schwankt man zwischen verschiedenen Schreibweisen und damit unterschiedlichen ideologischen Konzepten und Funktionalisierungen, aber am Beginn des 19. Jahrhunderts beginnt sich das Wort "Museum" für ein 'Haus' durchzusetzen, in dem Dinge auf Dauer bewahrt und allgemein zugänglich gezeigt werden.
Noch nach 1820 kann die Entscheidung in der Vorbereitungszeit zweier wichtiger Gründungen gegensätzlich ausfallen: in München wird das Wort Museum ausdrücklich verworfen und für die Antikensammlung des bayrischen Königs 'Glyptothek' erfunden, während man in Berlin, für das königliche Museum, nach heftiger Kontroverse, 'Museum' wählt, obwohl man darüber streitet, daß die moderne Idee mit dem antiken museion nichts gemein hat.
Die Berliner Entscheidung für 'Museum' - übrigens sehr bemerkenswert als "Ruheort der Kunst" eingedeutscht -, scheint für eine tiefliegende, heute fast schon vergessene Bedeutungsschicht zu fallen: für den Ort des kollektiven Gedächtnisses, das der Tanzplatz der Musen einmal war.
Immer wieder und heute, wie es scheint, mehr denn je, löst sich die Bezeichnung wieder von den Rändern her auf: Museen streifen das vermeintlich verstaubte, irritierende, auch phonetische Assoziationen wie Mausoleum (Th.W.Adorno) provozierende Wort gerne ab, umgekehrt eignen sich kulturelle Einrichtungen, die mit dem Museum wenig gemein haben, gerne Museum als nobilitierend und distinktiv an.
Selten aber kehrt man, wie beim Museum moderner Kunst in Bozen, zum museion zurück...
Gottfried Fliedl
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