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Museum, 27 Versuche zu verstehen, was ein Museum ist

I

„Wenn ich „Musealisierung“ richtig verstehe und in diesem Horizont zu interpretieren versuche, wenn ich den Begriff ernst nehme, dann kann es ja nur heißen: Arbeit gegen den Geschichtsverlust.“ - „Das ist das stillschweigende Ideal, das ich habe, wenn ich mir ein Museum als Idee und Praxis vorstelle. Ich sehe darin eigentlich eine kleine Produktionsabteilung, es wird immer ein Betrieb sein, der im Respekt vor Zuschauern, vor Nutzern und eben im Respekt vor den Objekten lebt und von daher natürlich nicht eine Fabrik sein wird, in der alles neu prodzuiert und die alten Dinge zerschlägt, daraus neu macht.“ - „Ich sehe diesen Punkt (des immer wieder durcharbeitens, dieses gründliche aufsammeln, variationsfähig machen, gründlich und langsam erzählen, von dem K. an anderer Stelle spricht und für er die Perestrojika als Beispiel nimmt, mit ihrem Versuch, bürgerliche Aufklärung ‘noch einmal zu machen’. GF) notwendig aufgehoben eigentlich bei denjenigen, die Verantwortung tragen für vergangene, verlorene Objekte, also für die Museen. Es gilt, diese Übersprungsmöglichkeiten bereitzuhalten in den Museen...Es gilt hier...zwei Haltungen gegenüberzustellen: ob ich mich zu meinem Lebenslauf als Zuschauer verhalte oder ob ich mich dazu als Produzent dazu verhalte. Ob ich mich zu der Gesellschaft, in der ich lebe, im Produzentenstatus bewege oder als Zuschauer bewege.“ - „Ich glaube, daß Museumsarbeit,Musealisierung genau der sorgsame Umgang, der gärtnerische Umgang mit Zeit sein sollte und langfristig die Erzeugung von Zeiten, von intensiven, trächtigen, von reichen, erfahrungshaltigen Zeiten bewirkt, jedenfalls bewirken könnte, inmitten eines Getriebes, inmitten gegenwärtiger Emsigkeit und Ruhelosigkeit."

Alexander Kluge

II

Christo: Das Museum of Modern Art New York – verpackt
Christo: Das Museum of Modern Art New York – verpackt
Ich liebe die Museen - wie öffentliche Parks und Schwimmbäder. Es sind besondere Orte, in denen man, inmitten anderer, allein bleiben kann. Es sind Orte ohne Wirklichkeit, außerhalb des täglichen Lebens, beschützte Orte, wo alles hübsch ist, aber ohne Leben.

Christian Boltanski, 1984

III

Das Museum ist für mich ein Ort, wo neue Zusammenhänge Ausprobiert und Fragiles, da von einzelnen geschaffen, bewahrt und vermittelt werden kann.

Harald Szeemann, 1972

IV

The ordinary museum and its representatives simply present one form of the truth. To talk about this museums means speaking about the conditions of truth. It is also important to find out whether or not the fictional museum casts a new light on the mechanism of art, the artistic life, the society. I pose the question with my museum. Therefore I do not find it necessary to produce the answer.

Marcel Broodthaers

V

Erwin Wurm "besetzt" das Museum Moderner Kunst, Wien 2007
Erwin Wurm "besetzt" das Museum Moderner Kunst, Wien 2007
Aber Museen repräsentieren auch, was dem öffentlichen Diskurs und der Wahrnehmung entzogen werden sollte oder jedenfalls verborgen blieb. Die Präsentation wachsender Naturbeherrschung verweist auf die Naturzerstörung, die Musealisierung fremder und vergangener Kulturen auf deren gewalttätige Eroberung und Vernichtung durch eben die gesellschaftlichen Kräfte, die ihnen im Museum ihr Interesse bekunden. Erst eine symptomatologische Analyse der Institution, wie sie im Rahmen der Arbeitsgruppe Museologie unternommen wird, kann zeigen, daß Museen als Institutionen des sozialen Gedächtnisses nicht nur schützenswerte Kulturgüter, sondern auch die Erinnerung an gesellschaftliche Schuld bewahren.

Sabine Offe

VI

The truth is, we do not know any more what a museum institution is.

Tomislav Sola 

 VII

Haus der Geschichte Stuttgart
Haus der Geschichte Stuttgart
Ihr, die ihr eintretet, bestimmt, ob ich Grab oder Schatzkammer bin, ob ich spreche oder schweige.
Ihr allein müßt es entscheiden.
Tritt nur ein, Freund, wenn du das Verlangen spürst.

Die von Paul Valery verfasste Inschrift über dem Trocadero, Paris

VIII

The museum doesn't exist.

Sharon Macdonald

IX

Museum Akkra, Ghana
Museum Akkra, Ghana
Ja: seit meiner zartesten Jugend spähe ich in allen Museen immer erneut nach Liebesakten und finde doch stets nur Kreuzigungen.

Urs Widmer

X

Art and museum culture is the secular religion of capitalism. It provides a space for inner meaning in an otherwise spiritually empty world.

Gregory Sholette

XI

...Nur als Pionier hat das Museum Sinn.

Alexander Dorner

XII

Wenn das Museum an Bedeutung gewinnt, dann so, wie die Wüste wächst: Es rückt vor, wo das Leben weicht, und plündert, ein wohlmeinender Pirat, die zurückgebliebenen Wracks.

Jean Clair

XIII

Komar und Melamid: Das Guggenheim-Museum
Komar und Melamid: Das Guggenheim-Museum
Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.

Definition des Internationalen Museumsrates (ICOM)

XIV

Museum? - Should the rain keep off !

Chris Burden

XV

"Das Museum soll die Entwicklung der großen Reichtümer der Nation zum Ausdruck bringen. Es soll die Ausländer anziehen. Es hat den Geschmack für die schönen Künste zu wecken, es soll die Kunstliebhaber erfreuen und den Künstlern das Studium ermöglichen- es soll allen offen stehen. Und dies wird eine nationale Bewegung sein und alle Menschen haben dieses Recht auf diesen Genuß."

Jacques Louis David, 1794

XVI

„Das Museum ist eine öffentliche kulturelle Institution und keine Privatsammlung und kein kommerzielles Unternehmen. Es ist dauerhaft und kann nicht verschwinden, geschlossen oder verkauft werden, wenn die Person, die es schuf, sich nicht mehr damit befasst. Seine Sammlungen haben wissenschaftlichen Charakter und sind nicht ausschließlich durch Zufall zusammengetragen worden. Schließlich sind seine Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemäß einem genauen Zeitplan und ohne Unterscheidung von Rasse, Stand oder Kultur.“

Claude Lapaire: Kleines Handbuch der Museumskunde. Bern und Stuttgart 1983

XVII

"2056 sind die Megastädte an der Grenze der Implosion: abgeriegelte Reichenghettos und Elendsenklaven am Rand. Und was ist mit den Stadtzentren? Sie sind Museen geworden, der Geschichte oder der Gegenwart – Schatz, Heiligtum, oft in Gefahr. Sie sind umgeben von den Enklaven und werden von lärmenden, auch gewalttätigen Gruppen heimgesucht. Sie werden Stätten der Konfrontation, Verachtung."

Francoise-Helen Jourda: Europa in 50 Jahren. Böser Traum – oder die Zukunft ? Eine Vision der Megastädte im Jahr 2056. In: Die Presse, 15.04.06.

XVIII

Nicht nur werden gewöhnliche Sachen, wenn in den Kontext des Museums gestellt, zu etwas Besonderem, sondern die Museumserfahrung selbst wird gleichzeitig zu einem Modell für das Erleben der Welt außerhalb seiner Mauern.

Barbara Kirshenblatt-Gimblett

XIX

With what confidence can we say that we ever have fully left the first museum we ever visited ?

Donald Preziosi

XX

„Nach der Großen Enzyklopädie wurde das erste Museum im modernen Sinne des Wortes (d.h. die erste öffentliche Sammlung) in Frankreich am 27. Juli 1793 durch den Konvent gegründet. Der Ursprung des modernen Museums wäre also mit der Entwicklung der Guillotine verbunden."

Georges Bataille, 1929

XXI

Das Museum gehört zu den "demokratischesten aller Bildungsinstitute", das "jedermann ohne Legitimationsprüfung den Vorteil seiner stummen Beleh­rung gewährt."

Gustav Pauli: Das Kunstmuseum der Zukunft, in: Die Kunstmuseeen und das deutsche Volk. Hg. vom Deutschen Museumsbund. München 1919, S.3 zit. n. Heinrich Dilly: Deutsche Kunsthistoriker 1933-1945. München 1988 S.56

XXII

Doch bald ging auch dieser letzte Schimmer alter Größe[die in Tempel und Kirche geborgene und verehrte Kunst] unter, und in der guten, allverbergenden Mutter Erde bildete sich das erste Museum, welches rettend und schützend die alten Kunstwerke vor den Anfeindungen der Vandalen bewahrte.

Brockhaus, Conversations-Lexikon, Leipzig 1820

 XXIII

Neues Museum Berlin 2002
Neues Museum Berlin 2002
„Man erhält es (das Werk GF) künstlich am Leben und gibt ihm so den Anschein der Unsterblichkeit ... Die Konzeption des aufbewahrenden Museums, die ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert und in der Romantik fand, wird auch heute noch allgemein für richtig befunden und ist nichts als ein lähmender Mechanismus.“

Daniel Buren: Funktion des Museums (1970).

XXIV

"...The Museum isn't merely a place that preserves culture - it's involved in the process of inventing it in a deal worked out with each and every visitor."

Ralph Rugoff

XXV

Stellen wir uns ein wahres Museum vor, in dem alles enthalten ist, in dem ein komplettes Bild dargestellt werden kann, nach dem Ablauf der Zeit, nach der Zerstörung der Zeit. (Und wie vollständig sie zu zerstören weiß! So gründlich und komplett, daß fast nichts übrigbleibt, nur die Objekte von großer Extravaganz, von großer Eitelkeit, die Katastrophen immer überdauern und somit die unzerstörbaren Kräfte der Eitelkeit bezeugen). Um unsere Vorstellung zu konkretisieren, sollten wir uns ein Museum der heutigen Zeit errichten, in dem Gegenstände der heutigen Zeit ausgestellt sind; zum Beispiel: eine einfache Jacke, eine Melone, ein gut gearbeiteter Schuh. Eine elektrische Glühbirne mit Bajonettverschluß; ein Heizkörper; ein Tischtuch aus weißem Leinen; unsere alltäglichen Trinkgläser und Flaschen verschiedener Form, in denen wir unsere Weine aufbewahren, vom edlen Mercurey über den Graves bis zum einfachen Tafelwein; eine Reihe von Kaffeehausstühlen mit Rattanauskleidung, wie die von Thonet aus Wien – und dann noch eine Waschschüssel, eine Uhr, ein Koffer, ein Aktenregal und ein Bild von einer Pfeife.

LeCorbusier: Andere Ikonen – Die Museen, Kapitel aus Die dekoartive Kunst unserer Zeit, verfasst als Reaktion auf die Ausstellung dekorativer Kunst in Paris 1924

XXVI

„Äh­nelt die Kultur, die alles sich selbst ähnlich und dadurch eine Überprüfung ihrer Grenzen unmöglich machen kann, nicht im Grunde genommen einem riesigen Museum? Einem Museum, das einzige Heimstatt für alles und alle ist und zwischen dessen Betrachtern und Schöpfern, lebendigen Besuchern und Ausstellungsgegenständen deshalb kein echter Unterschied zu machen ist? (...) mit dem Eintritt in das Zeitalter der universellen Si­mulation (Baudrillard) ist es wirklich nur eine Frage des Standpunktes, wo ich das Museum entdecke. Es kann ein Gebäude mit dem Schild ‚Museum’ sein; es kann das Alltagsleben sein, das ‚fluktuierend’ die gewohnte Museumsstruktur negiert und gleichzeitig selbst zu einer Art ‚Fluxus‑Museum’ wird; es kann eine Lebensführung sein, in der die Menschen ‑ wie Gilbert und George ‑ vom Aufwachen bis zur Nachtruhe die museale Existenz praktizieren. Und es kann schließlich auch das innerste Ich sein, das sich eine Instinktstruktur und einen Gefühlshaushalt von solcher Perfektion errichten möchte, mit der höchstens der Mönchengladbacher Museumsbau von Hans Hollein konkurrieren könnte. Auch dieses innere Ich ist eine Art Museum‑ mein eigenes, intimes Museum, in dem ‑wie draußen im ‚echten’ Museum ‑ der Preis des Lebensgenusses der stetige Verrat am Leben sein wird. Heute fühlt der Mensch sich oftmals dann am ehesten lebendig, wenn er zu seinem eigenen Museum wird. Er fühlt sich als Denkmal, das sich, wohin er sich auch wendet, kaum aus dem innen so genußvoll ausgeschmückten Gefängnis des ihn umschließenden Kulturmuseums befreien kann.“

Laszlo Földenyi: Das Schweißtuch der Veronika

XXVII

Die Rolle der Museen als Vermittler zum Kunstwerk ist für uns so bedeutend, daß wir uns kaum vorstellen können, sie existiere nicht, sie habe sogar immer und überall dort nicht existiert, wohin von moderner europäischer Kultur keine Kenntnis gedrungen ist; ebenso schwer vorzustellen ist auch, daß die Museen diese Rolle bei uns erst seit kaum zweihundert Jahren spielen. Das 19. Jahrhundert hat von ihnen gelebt; wir leben noch von ihnen und vergessen dabei ganz, daß die Museen dem Beschauer eine vollkommen neue Beziehung zum Kunstwerk aufgezwungen haben.

André Malraux: Das imaginäre Museum.

siehe auch Arche Noah Musealisierung Museum, Etymologie Museum und Gedächtnis Reliquie