Müll
I
Müllproduktion ist Anzeichen von Leben. Da, wo kein Müll ist, da ist entweder der Himmel oder die Hölle. Der Müll ist das, was bleibt, was übrigbleibt, ist das, was in einem Konsumtionsprozeß nicht aufgeht. Er ist zunþchst dann wertlos. In einem zweiten Anlauf kann er einer Wiederverwertung zugeführt werden. Die erreicht man durch Zufuhr von Energie. Energie ist kostbar. Deshalb steht Müllvermeidung hoch im Kurs. Als ideal wird das absolute Müllrecycling vorgestellt: Es soll nichts Unverwertbares übrigbleiben. Absolute Wertschöpfung. Closed Circuit. Ohne jeden Verlust. Ein perpetuum Mobile der Lust.
Müll ist das, was abfällt, beim gesamtgesellschaftlichen Verdauungs- prozeß. Man läßt ihn nicht mehr, wie in den 50iger und 60iger Jahren einfach hinter sich. Er wird zum basalen Erziehungs- und Disziplinierungsmoment der Gegenwart. In der Sozialisation lernt man je nach Stadtteil von sechs bis zu etwa zwanzig Sorten zu unterscheiden und an unterschiedlichen Orten auf unterschiedliche Weise zu deponieren. Eine der Einrichtungen, die sich um Müllvermeidung und -recycling bemühen, ist das Museum.
Karl-Josef Pazzini
II
Das Gegenwärtige muß nicht nur alt und damit Müll, sondern auch Geschichte werden. Es muß Teil werden dessen, was wir so pathetisch als das „historische Erbe“ bezeichnen. Es geht dabei um unsere jüngste Geschichte und materiell um die neuesten Produkte.
Was geschieht damit mülltheoretisch im Sinne Michael Thompsons? Ein Teil der Dinge bleibt Müll, ein anderer Teil wird ewig. Der Müll wird verbrannt, das Ewige wird ausgestellt.
Und eines Tages werden Reste des Mülls, die der Verbrennung entkommen konnten, zu Ausstellungsgut erklärt, wahrend das, was wir von unseren Dingen ins Museum gestellt hatten, vielleicht, nein, nein, nicht im Müll, keine Angst, aber im Depot landet.
Lucius Burckhardt: Wie kommt der Müll ins Museum?
III
1950er Müll als Skandal: Im Sommer 1988 veranstaltete das Centre de Creation Industrielle des Centre Georges Pompidou eine Ausstellung über die fünfziger Jahre, die zu Protesten und sogar zu mehreren Gerichtsverfahren führte. Der Grund: Das Ausstellungskonzept mischte die schon wertvoll gewordenen Objekte mit Müllobjekten und entwertete so, in den Augen der Leihgeber und Galeristen, die „Kunstwerke“.
Die Ausstellung (Leitung: François Burkhardt, Konzept: Jean Nouvel) ging von der Fiktion aus, die Ausstellung habe schon Ende der fünfziger Jahre stattgefunden und sei nie aufgelöst, lediglich zur Seite geräumt worden. In diesem halbwegs magazinierten Zustand werde sie jetzt noch einmal zugänglich gemacht.
IV
Es gibt die bekannte Redewendung „gelandet auf dem Müllhaufen der Geschichte". Man kann sich fragen: „Wo befindet sich dieser Müllhaufen überhaupt?" Das Archiv ist es auf jeden Fall nicht, denn im Archiv sind die Dinge immer schon vorhanden - sie landen dort also nicht erst nach dem historischen Zusammenbruch. Der Müllhaufen der Geschichte sind offensichtlich wir. Unsere eigene Aktualität, unsere Wirklichkeit, d.h. das, was wir „das Leben" nennen, ist nichts Anderes als dieser Müllhaufen der Geschichte. Es ist alles, was sich außerhalb des Archivs vermehrt hat. Der Müll ist auch eine Art Banalität, d.h. ein Produkt der kleinen Veränderungen, die jenseits des Archivs führen. Aber diese Veränderungen sind immer noch Veränderungen, und so ist es immer möglich, sie durch eine Beschreibung aufzufangen und zu archivieren. Der Müll, wie auch die Banalität, entgehen dem Archiv nicht. Und das bedeutet, daß unsere Aktualität, unser Leben dem Archiv auch nicht entgehen können. Es stellt sich also nicht die Frage danach, ob wir die Archive aufbewahren sollen oder nicht: Wir könnten den Archiven nicht entgehen, auch wenn wir es wollten.
Boris Groys: Die Zukunft der Archive
Auszug aus einem Vortrag bei den Wiener Kolloquien Kulturwissenschaften am 12. Dezember 1996 in Wien. In: news. Mitteilungen des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften. 1/97
siehe auch Abfall
M
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Müll
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