Mona Lisa
In einem Weltteil, der charakterisiert ist durch riesige Anhäufungen von Dingen, die ihre Bedeutung erst als Waren finden müssen, erhält das Reden vom Original einen fast esoterischen Nachgeschmack.
Gerade die große Zahl an Reproduktionen bezeugt oder bewirkt erst die Bedeutung des Originals. Treten wir dem Original - meist im Museum - gegenüber, so sind wir von unschuldiger Wahrnehmung meist gänzlich frei. "Wahrnehmung geschieht innerhalb von strukturierten Feldern,… die den Wahrnehmenden in einem Horizont situieren, der nicht nur optisch, sondern genauso semantisch ist. … Wahrnehmung bewegt sich in einem vorweg organisierten Bedeutungsraum" (Meinhardt).
Das Wissen darum, daß uns im Louvre hinter schlecht entspiegeltem Panzerglas längst eine Reproduktion von Leonardos Mona Lisa entgegenblickt, schadet ihrer "Aura als Original" kaum. Tausende von Posters, Postkarten und Nippes, ihre beamteten Leibwächter in Gestalt von Museumswächtern und die sich drängelnden Touristen bauen täglich aufs neue ihre Bedeutung auf.
Weidenmann hält in seinem Buch "Psychische Prozesse beim Verstehen von Bildern" fest, daß wir in einer bestimmten kognitiven, emotionalen und motivationalen Verfassung auf die Bilder treffen. Die Entscheidung, ob wir uns vor dem Original oder dessen Reproduktion wiederfinden, fällt nicht erst im Augenschein mit Lisa.
Rainer Zendron
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