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Ersatzbefriedigung

I

Kaum geboren, hat der Mensch - schon wieder - Hunger. Ohne fremde Hilfe kann dieser nicht gestillt und kein Bedürfnis befriedigt werden. Das kränkt. Und bindet uns zugleich, wie Freud betonte, an den Neben-Menschen als den "unvergeßlichen Anderen". Denn dieser - als gebende und gewährende Instanz - gestattet uns das flüchtige Erlebnis der Befriedigung und wird zum Erinnerungsbild und zur Gedächtnisspur eines lustvollen "ersten Mals", welches doch - sonst gäbe es kein "zweites Mal" - unrettbar verloren scheint. Wir wünschen dieses erste Mal wiederzufinden und finden nur Ersatzobjekte, genauer: den Ersatz als ein Objekt jenseits der Befriedigung, das allen Verlust wiedergutmachen könnte. Wir halluzinieren oder ersehnen den Stillstand der seriellen Wiederholung, die doch Urquelle und Ziel unseres Begehrens ist.
Es geht uns um die rätselhafte und seltsame Macht eines Objekts, das gleichsam alle Objekte der Befriedigung ersetzen und von diesen sich "loslösen" könnte: das absolute Gute des Guten und der Güter. Jede Ethik des höchsten Gutes, mag dieses als enthaltsame Tugend oder als utilitaristisches Glück bestimmt werden, ist das haltlose Werbeversprechen, das Begehren durch Befriedigung ersetzen zu können. Anders gesagt: Das Paradies vollkommener Glückseligkeit ist der Wunsch nach vollendeter bzw. vollendbarer Wunschlosigkeit: Zeichen der tödlichen Harmonie, die nur als erzwungene imaginierbar scheint.

Doch weil es das absolute Ding bzw. das Ding als absolute Antwort nicht gibt, erfinden wir endlose Ab-Bilder von Ur-Bildern, mit und in denen wir der mephistophelischen Haltlosigkeit des Begehrens Einhalt gebieten: Fetischobjekte des Anderen, in denen uns seine Fremdheit verfügbar scheint. Doch die unvordenkliche Gabe des Anderen maskiert sich nur in all den substituierbaren und fetischisierbaren Objekten der Waren-Zirkulation und geht doch in keiner Rechnung auf, widersteht seiner vollständigen Identifizierbarkeit. Eben weil der Fetisch als nicht- identischer (gesichtsloser) Ersatz bzw. Maske für anderes steht und also auf die uneigentliche oder unwahre Ersetzbarkeit der begehrten Objekte verweist, bekundet er das endlose Spiel der Verstellung, das er zugleich in partialen und partiellen Gegenständen zu verkörpern wähnt. Er markiert also die Differenz zwischen der Befriedigung und ihren Ersatzbildungen, und nimmt gleichzeitig letztere für die bare Münze, die ihm heilig ist.
Das Wahre ist also im Fetisch der Ware symptomatisch geworden. Doch Symptome sind Schicksale des Triebes, nicht er selber.

II

Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde: alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten ungebändigt immer vorwärts dringt (Mephisto im 'Faust', 1, Studierzimmer).

Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, GW XIII, S. 44 - 45

Dieses - unhaltbare und uneinholbare - Moment des Triebes, welches Freud als den Ersatz bzw. das Jenseits der Befriedigung zu denken eröffnete, erlaubt zugleich eine Distanznahme zum unbemerkten Fetischismus gängiger Fetischismuskritik: Denn diese unterstellte - als Mythos der Kommunion wie des Kommunismus - es gäbe ein von Vorstellungen und Verdinglichungen losgelöstes Eigenes, Eigentliches oder Wahres. Wie wir inzwischen wissen, ist im Namen solcher vom Geld- und Warenfetisch angeblich befreiten "absoluten Gemeinschaft mit sich selbst" nur der totalitäre Schein einer verordneten Befriedigung wirkmächtig geworden. Der Ersatz läßt sich nicht ersetzen.

Christoph Tholen