Blick
I
Kaum eine andere Institution schafft so viele Blick-Szenarien wie das Museum: den ordnenden Blick, den fragenden Blick, den begehrlichen Blick, den beobachtenden Blick, den toten Blick, den flüchtigen Blick, den teilnehmenden Blick, den trügerischen Blick, den bösen Blick... So eröffnet sich ein differenziertes Feld von Phänomenen der visuellen Kultur, die über die Institution Museum weit hinaus weisen. Die Ideologie des „reinen Sehens“ ebenso wie das Sehen als das vorherrschende Paradigma der Erkenntnis oder als Garant der Transparenz sind obsolet geworden. Aktuelle kulturwissenschaftliche Theorien gehen von einer Dichte des Sehens aus, von einer Reihe von Filtern aus sozialen Normen und kulturellen Faktoren, die zwischen Sehendem und Gesehenem wirksam werden. Unter diesem Aspekt wäre auch im Hinblick auf Ausstellungen zu fragen: Was wird von wem zu Sehen gegeben? Und was wird wie gesehen und mit welchem Effekt?
Regina Wonisch
II
Die psychoanalytische Perspektive führt in die Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk die Frage nach der unbewußten Bedeutung und nach dem unbewußten Begehren ein. Während das Werk selbst in dieser Hinsicht auf seine Funktion als Bedeutungsträger eingeschränkt bleibt, verteilt sich die dahinterliegende Begehrensdimension, welche stets Subjektives voraussetzt, auf zwei miteinander verbundene Subjekte: Auf den das Begehren ausbeutenden Künstler und auf den dazu in Pächtergemeinschaft stehenden Konsumenten. Für den Fall der bildenden Kunst bedeutet dies eine Kommunikationsstruktur, in welcher der, der etwas zu sehen begehrt, von dem, der etwas zu sehen gibt, etwas zu sehen erhält.
August Ruhs


