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Authentizität

I

In einer doppelten Kehrtwendung spielt die Künstlergruppe 20228-0000042945 (Ali Janka, Florian Reither, Tobias Urban) in der Ausstellung Coming up (Museum moderner Kunst Sammlung Ludwig, 1996) mit der Sehnsucht nach Authentizität, indem sie einerseits handgemalte Bilder der Gorilla-Dame Nonja und andererseits die Angestellte eines Wiener Taxi-Unternehmens ausstellt. In einer Welt der Reproduktionen, der Fakes und Simulationen wird die Suche nach dem Ursprung der Geschehnisse mitunter geradezu öbszön. Dorthin, wo ein Anfang vermutet wird, langt der Arm der Authentizitäts-Konstrukteure. Die Suche nach dem Authentischen ist die Hoffnung, an das ganz Wahre heranzukommen. Sie wirkt mitunter wie eine Sucht, sich von der Last des Symbolischen zu befreien. Keine verkomplizierende Vermittlung durch Sprache oder sonstige sublime Konstruktionen mögen zwischen die Körper der Dinge / Wesen und die Körper der Wahrnehmenden treten. Mit dem Verschwinden der Sprache soll, so die Hoffnung, auch die Zeit ineins fallen. Jetzt ist damals und hier ist dort. Darum sprechen die in den Dingen eingeschriebenen inkorporierten Lebensspuren (Gottfried Korff) wahr. Man muß jedoch auch sie erst lesen können, um sie wahrzunehmen. Womit Authentizität zum Wiedererkennen gerinnt, welches immer schon ein Verkennen sein muß.

Eva Sturm

II

Das museale Objekt ist ein authentisches Objekt. Damit ist es Dokument und Zeuge. Doch weil Authentizität mehr meint als Echtheit und Originalität, kommt beim musealen Objekt neben dem Zeugnischarakter noch eine andere Dimension ins Spiel. Und zwar ist dies die sinnliche Anmutungsqualität, die Ausgangspunkt für die faszinierende Wirkung der Objektwelten des Museums ist.
Den Grund für die "Faszination des Authentischen" bildet das den Objekten eingelagerte Spannungsverhältnis von sinnlicher Nähe und historischer Fremdheit, das Ineinander von zeitlich Gegenwärtigem und geschichtlich Anderem.
Diese Ambivalenz bewirkt, daß Originalobjekte Vergangenheit nicht nur heranrücken, sondern sie auch fern halten - aufgrund der eigenartigen Fremdheit, die authentischen Dingen inkorporiert ist (vielleicht ist dies auch einer der Ausgangspunkte von Sloterdijks Xenologie-Museologie). Dem Gegenstand zugleich nah und fern zu sein, in den Horizont einer anderen Zeit einzurücken und doch in der eigenen zu bleiben - von diesem Spannungsverhältnis geht die Präsentation und Inszenierung historischer Objektensembles in Museen und Ausstellungen aus.

Korff/Roth: Das historische Museum

III

„Authentizität“, so schwer sie auch zu benennen und definieren sein mag, ist der Ausgangspunkt für eine besondere Geschichtserfahrung, die nicht nur auf kognitiven, intellektuellen und diskursivem Wege gewonnen wird, sondern die vor allem auf das Prinzip der sinnlichen Anmutung, des sinnlichen Reizes aufbaut.

Gottfried Korff: Objekt und Information im Widerstreit. In: Museumskunde 49 (1984), S. 83-93, S. 90.