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Abfall

I

Seit der Renaissance bemühen sich Künstler, die gestalterischen Verlebendiger toten Steins und stumpfer Erden, um Aufklärung des Aberglaubens. Pisanello führte die Berufsbezeichnung Zoographos für Künstler ein. Der Anspruch, Leben zu schaffen wie der christliche Schöpfergott oder Leben zu gebären wie die Mütter, war nicht so skandalträchtig gemeint wie er verstanden wurde. Pisanello entdeckte, daß durch die gestalteten Werke die Betrachter, die Zuschauer, die Zuhörer, die Leser beseelt werden, nämlich enthusiasmiert oder erschreckt, triumphal gestärkt oder von bösen Gedanken gepeinigt.

Also: Der Künstler beseelt denjenigen, der mit Kunstwerken, gestalteten Objekten, Texten, Musiken, umgeht. Und diese Auffassung ist ja kein Sakrileg, sondern das Gegenteil der primitiven Annahme, die beseelende Kraft stecke in den toten Objekten selber. So wie sich das Souvenir nicht selber erinnert, sondern Erinnerung anregt, bringen Amulette und Talismane nicht Teufel oder Tugend auf den Leib, sondern animieren den Träger. Animation ist heute Mittelpunkt jeder Vermittlung zwischen Menschen, die über Objekte (incl. sprachlicher Vergegenständlichung) läuft: Als filmische Animation und als kulturtouristische Animation. Bazon Brock führte 1959 die Berufsbezeichnung Animateur/animator/Animator in die Kulturberufe ein.

Bazon Brock

II

Kinder nämlich sind auf besondere Art geneigt, jedwede Arbeitsstätte aufzusuchen, wo sichtbare Betätigung an den Dingen vor sich geht. Unwiderstehlich fühlen sie sich vom Abfall angezogen, der sei es beim Bauen, bei Garten- oder Tischlerarbeit, beim Schneidern oder wo sonst immer entsteht. In diesen Abfallprodukten erkennen sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen allein zukehrt. Mit diesen bilden sie die Werke von Erwachsenen nicht sowohl nach als sie diese Rest- und Abfallstoffe in eine sprunghafte neue Beziehung zueinander setzen. Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in der großen, selbst. Ein solches Abfallprodukt ist das Märchen, das gewaltigste vielleicht, das im geistigen Leben der Menschheit sich findet: Abfall im Entstehungs- und Verfallsprozeß der Sage.

Walter Benjamin: Rezension zu Karl Hobrecker: Alte vergessene Kinderbücher. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd.III. Hrsg. v. Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt 1972, S.12-22.