Statements
Colin Fournier
Colin Fournier über „Grenzüberschreitungen“.
„Das beste Geschenk, das sich eine Stadt machen kann, ist, Schriftstellern, Künstlern, Musikern, Designern und Architekten die Möglichkeit zu geben, den historischen Kontext mit spielerischer Respektlosigkeit zu behandeln und bestehende Regeln zu brechen. Graz hat diesbezüglich seine Sache immer gut gemacht und leistet sich an vielen Fronten eine lebhafte Avantgarde.
Für uns als Außenseiter war es daher eine besondere Herausforderung, am internationalen Wettbewerb zum Kunsthaus Graz teilzunehmen und ein neues Tier im Herzen der Stadt zu platzieren, umso mehr, als auch unsere Vorgänger einige ziemlich exotische Projekte gebaut hatten: Volker Giencke das Gewächshaus zum Beispiel, vielleicht unser liebstes Gebäude in Graz und einer der höchsten Trümpfe, die in letzter Zeit ausgespielt wurden.
Nun waren wir am Zug. Wir entschieden uns ganz bewusst für einen Alien, ein Gebäude, das in keiner Hinsicht, weder bezüglich seiner Form noch bezüglich der verwendeten Materialien, irgendwie auf die architektonische Sprache seiner Umgebung mit ihren roten Ziegeldächern Bezug nimmt. Das neue Gebäude hebt sich davon ab wie ein Wesen aus einer anderen Welt, und es scheint, dass die Stadt von dieser Provokation ebenso angestachelt wie angetan ist. Wie lange wird es dauern, bis man sich an den Anblick gewöhnt hat? Wer spielt den nächsten Trumpf aus und welcher wird es sein?
Es liegt in der Natur der Grenzüberschreitung, dass sie neue Überschreitungen nach sich zieht, und gerade das macht Spaß an diesem Spiel. Die Stadt ist schon sehr weit gegangen, auch mit anderen radikalen Initiativen im Kulturhauptstadtjahr – wollen wir hoffen, dass sie nicht plötzlich kalte Füße bekommt und einen konservativeren Weg einschlägt!“
Colin Fournier über „Komische Bewegungen“.
„Obwohl vertraut, erfüllen uns mechanische Bewegungsapparate noch immer mit kindlicher Freude. Sie setzen sich über die Schwerkraft hinweg und bekämpfen so alles Schwerfällige in der Architektur. Genau das tut der Travelator, auch Pin genannt. Er vermittelt ein erhebendes Gefühl der besonderen Art, wenn er einen in das Gebäude hinaufsaugt und man sich unweigerlich die Frage stellt, wie man denn wieder hinunter kommen will – die Pin ist schließlich eine Einbahnstraße! So wird die Erforschung des Kunsthauses zur unausgeglichenen kinetischen Erfahrung, es entsteht ein weiterer Beitrag zur Unvorhersehbarkeit des Raumes. Das Kunsthaus Graz bietet einen Luxus, den sich alle Museen leisten sollten: den Luxus, Kunst auf zweierlei Art zu erfahren. Einmal ganz nonchalant, im bequemen Gleiten auf der Pin, das zweite Mal mit mehr Aufmerksamkeit, wenn man langsam, Schritt für Schritt, durch das Gebäude wieder zu Boden sickert.“
Colin Fournier über „Technologische Mutationen“.
„Trotz seiner komplexen doppelt gekrümmten Geometrie, der großzügigen Verwendung von Acryl, der schlanken effizienten Struktur seiner dreieckigen Stahlhaut und der ruhigen Raffinesse seiner energiesparenden Klimasteuerungssysteme, steht das Kunsthaus nicht für einen Hightech-Expressionismus. Dazu hatten wir weder das Budget noch die Neigung. Die technologische Mutation, für die dieses Gebäude symptomatisch ist, liegt in der radikalen Veränderung des Entwurfsprozesses selbst sowie in seiner neuen Verbindung mit automatisierten Herstellungsprozessen. Ein nicht-euklidsches Objekt wie dieses kann nicht mittels konventioneller Pläne, Schnitte und Aufrisse dargestellt werden. Die einzig bedeutungsvolle Darstellungsmöglichkeit besteht in einem Satz 3-D-Daten in einem Softwarepaket, das später in der Produktionsphase mit CAD-CAM-Instrumenten verbunden wird. Genau in dieser fundamentalen Verschiebung zum 3-D-Modelling – und zwar nicht als Repräsentationstechnik, sondern als einzig legitimen konzeptuellen Rahmen für zeitgemäßes Design – liegt die wirkliche technologische Revolution. Durch sie fühlen wir uns manchmal wie die Dinosaurier vor einer großen Klimaänderung. Das ist nur der Anfang aller Überraschungen, die uns im 21. Jahrhundert erwarten. Die Architektur wird nie mehr die gleiche sein wie zuvor. Und dieses Gebäude steht an ihrem Wendepunkt.“
Colin Fournier über „Zoologische Metaphern“.
„Elias Canetti sagte, dass die schrittweise Vernichtung von Tierarten unweigerlich zu einer Verarmung der Menschheit führen würde, da dadurch die Anzahl der Metaphern zur Beschreibung menschlicher Physiognomie, menschlichen Verhaltens und menschlicher Artefakte verringert würde. Es sind jedoch immer noch einige wenige Tiere übrig, und so kennt man das Kunsthaus als Nilpferdbaby, Seeschnecke, Stachelschwein, Walfisch etc. Es soll bewusst wie eine Artenmischung wirken, wie ein nicht klassifizierbares Hybrid, eine biomorphe Präsenz, die fremd und vertraut zugleich ist. Fremd, weil es keine Referenz zu einem bestimmten Tier gibt, sondern weil es aussieht wie eine Kreatur, die die Evolution durch Zufall auf einem anderen Planeten hervorgebracht hat. Vertraut, weil es den Charme einer freundlichen Promenadenmischung mit höchst fragwürdigem Stammbaum hat.“
„Im Sog“.
„Der Friendly Alien schluckt alles mit seinem Travelator. Er ist wie ein gigantischer Staubsauger, wie der Bauch eines Walfisches, er ruft weit entfernte Erinnerungen aus der Kindheit wach, unbewusste Sehnsüchte, von einem Drachen gefressen zu werden, oder das zarte Vergnügen, die raue Zunge einer Katze auf der Haut zu spüren. Im schwarzen Loch des Walfischbauches findet man alle möglichen Dinge: alte Stiefel, verlorene Schätze, verirrte Fische, sogar Jonas selbst. Und genau das muss ein Museum sein: Ein Ort, der mit unserer Sehnsucht nach überraschenden und unerwarteten Dingen spielt, ein Ort für bizarre Konfrontationen, ein Ort voller Dinge, die noch nicht ganz verdaut sind.“






